Im März dieses Jahres beschloß der Frankfurter Suhrkamp Verlag, daß ihm eine "vermehrte Präsenz" in der Schweiz not tue, und eröffnete in Zürich eine rechtlich unabhängige Filiale, die einmal Suhrkamp-Bücher "vermehrt" in der Schweiz verbreiten, zum anderen Schweizer Bücher vermehrt in das Suhrkamp-Programm einspeisen sollte. Jetzt, gleich beim ersten Versuch, ist dieser Versuch einer vermehrten deutschschweizerischen Kulturverflechtung gescheitert. Die drei Mitarbeiter des Zürcher Suhrkamp-Büros, Hans-Ulrich Zbinden, Dieter Bachmann und Anna Stolz, haben den Leiter der Suhrkamp-Verlagsgruppe, Siegfried Unseld, gebeten, ihre Verträge zum nächstmöglichen Termin zu lösen. Sie wollen keine "Oase der Problemlosigkeit" bilden, keine Geschäftsträger eines Schweizer Idylls sein.

Anlaß für das Zerwürfnis war ein Dokumentenband über die "Schweizerische Arbeiterbewegung", zusammengestellt von einer (sozialdemokratisch-marxistischen) Arbeitsgruppe von Studenten und Dozenten der Universität Zürich. Ursprünglich sollte er im Verlag Huber, Frauenfeld, herauskommen. Er eigne sich "ausgezeichnet als Lehrmittel, Lektüre für Politiker", hieß es in der Verlagsankündigung. Der Band war bereits ausgedruckt, als der Huber Verlag ihn zurückzog und seinem Verlagsleiter Manfred Vischer kündigte: Das Buch sei "Extremistenliteratur", seine Veröffentlichung hätte dem Verlag auf Jahre hinaus einen "Imageverlust" bereitet. In der Schweiz redet und schreibt man offen darüber, welche konservativen Interventionen den Huber Verlag zu seinem Schritt bewogen haben.

Daß Unseld dasselbe Buch jetzt auch ablehnte, hat einen auf den ersten Blick viel einleuchtenderen Grund: "Die Publikation... durch einen Auslandsvertrag würde der Sache dieses Denkanstoßes abträglich sein und ihn in eine vordergründige Provokation verwandeln." Es sei "nicht Sache eines deutschen Verlages, den Schweizern Demokratie und Liberalismus zu predigen", kommentierte Marcel Reich-Ranicki in der FAZ – durchaus überzeugend, hätte er nicht ein paar Details übersehen. Hier nämlich wollten ja nicht Deutsche der Schweiz eine Lektion erteilen, sondern Schweizer in der Schweizer Dependance eines zur Hälfte Schweizer Verlags, der schon immer kritische Autoren gedruckt hat, auch solche aus der Schweiz – Max Frisch etwa. Von Frisch mußte sich der Suhrkamp Verlag (in der "Weltwoche") sagen lassen: Unseld habe das Buch ungelesen abgelehnt, auf einen Wink der Schweizer Bankiersfamilie Reinhardt hin, die mit 50 Prozent an Suhrkamp beteiligt ist und der das Suhrkamp-Reich, so Unseld, seine "ökonomische Solidität" verdankt.

Schweizer Autoren (Frisch, Muschg), Schweizer Zeitungen machen sich jetzt daran, die Verhältnisse klarzustellen ("Zensur"). Sie gehen davon aus, daß dieses Buchprojekt und mit ihm wohl unfreiwillig zunächst auch die Idee eines Schweizer Suhrkamp Verlags nicht darum abgesagt wurde, weil Suhrkamp zu deutsch ist, sondern: Er ist zu schweizerisch. D. E. Z.