ARD, Freitag, 1. November: "Nachtrag", von Neville Smith, Regie: Kenneth Loach

Wahrscheinlich muß man Kenneth Loach heißen, über Loachs Intelligenz, Loachs sozialkritische Treffsicherheit und Loachs Fähigkeit verfügen: Gedanken atmosphärisch belegen zu können, um einem Thema wie diesem neue Aspekte abzugewinnen.

Ein Mann ist gestorben, die Hinterbliebenen bemühen sich, ein Bild zu rekonstruieren; aus verschiedener Perspektive, der Sicht von Familienangehörigen, Kollegen und Freunden, entsteht ein widersprüchliches Porträt. Treuer Ehegatte, skrupelloser Charmeur. Klassenkämpfer, Fernsehglotzer. Ein Prolet, der seinen Prinzipien zeitlebens treu blieb. Ein Opportunist, der schon in jungen Jahren verriet, was ihm heilig sein sollte. Ein Mann, der sich als Gewerkschafter bemühte, seinesgleichen an die Macht zu bringen. Ein Mann, der sich duckte.

Daß das Mosaikspiel gelang, daß der Fall des Arbeiters Billy Scullery, der nach fünfzigjähriger Plackerei in Betrieb und Gewerkschaft an Krebs krepierte, tatsächlich ein exemplarischer Fall wurde, hat exakt beschreibbare Gründe.

Erster Grund: Es gelang Kenneth Loach, die über Scullery aussagenden Zeugen in Autobiographen zu verwandeln. Vom anderen redend sprachen sie in Wahrheit von sich selbst – der Zynische zynisch, der Klassenkämpfer klassenkämpferisch, die Kleinbürgerin kleinbürgerlich. Auf diese Weise gewannen, innerhalb eines proletarischen Ensembles, gesellschaftliche Grundpositionen Anschaulichkeit: Vom Anwalt der plebejischen Solidarität über den Gewerkschaftspharisäer bis hin zum Familienautokraten, der mit der Brutalität des Deklassierten bürgerliche Verhaltensmuster auf den Begriff bringt, war alles beisammen.

Zweiter Grund: Das Milieu war kein "Millich", sondern realistische Atmosphäre. Loach zeigt: So sieht’s aus in den Slums. So argumentieren die Leute. (Gut, daß man in der deutschen Bearbeitung nicht Dialekt sprechen ließ. Cockney auf rheinisch klingt nach Folklore.) So gegenläufig geht’s zu: Pathos und Klamotte, Zote und Zartheit, nüchterner Sinn und Sentimentalität.

Loach, das hat er oft bewiesen, ist ein Freund des "Shakespearisierens", ein Meister der scheinbar verblüffenden, in Wahrheit alltäglichen Volten. Dadurch gelingt es ihm, eine Situation adäquat darzustellen, die sich mit dem Satz umschreiben läßt: Die Lebenden okkupieren den Toten: Aus allen Richtungen wird "Er war unser" gerufen.