Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im November

Nach den ersten hundert Tagen Amtszeit war Giscards Welt noch in Ordnung. Der neue Stil des Präsidenten beeindruckte, seine Reformansätze hatten ein positives Echo gefunden, das soziale Klima schien verbessert. Frankreich begann, an den verheißenden Wandel zu glauben. Doch was das Land in den letzten Wochen erlebt hat, kann nicht Giscards changement sein: Die Inflationsspirale dreht sich immer schneller, über eine halbe Million Menschen sind arbeitslos, eine unerwartete Streikwelle überschwemmt das Land. Statt vom Wandel reden die Franzosen nun von der Krise. Rien ne va plus...

Der November kann zu Giscards verflixtem siebten Monat werden. Wie einst im Mai versuchte der Präsident bei seiner jüngsten Pressekonferenz, dem Land tief in die Augen zu blicken und ihm ins Gewissen zu reden. Doch sein Liebeswerben mit erhobenem Zeigefinger blieb ungehört. Der ewig lächelnde Mann im Elysée ist nicht unpopulär. Doch das Vertrauen vieler Bürger in seine Regierungskünste ist erschüttert. Die schöne Eintracht der ersten Stunden ist dahin, Giscards Sterne beginnen zu sinken.

Ein völlig unerwarteter Streik der Post demonstrierte den Franzosen, wie krisenanfällig Giscard und seine Regierung sind. Doch nicht nur der Postbote bleibt seit über zwei Wochen aus. Auch Fernsehen und Rundfunk streiken immer häufiger, Stromsperren stehen ins Haus, die Eisenbahner blockieren Züge, die Pariser Busschaffner ziehen die Bremsen fest, das Krankeahauspersonal droht mit dem Ausstand. Daß die Lothringer Bergleute und die Heizölhändler im ganzen Land die Arbeit niederlegten, fiel dabei gar nicht mehr sonderlich auf.

Die aus sozialen wie politischen Motiven bedingten Aktionen gehörten in Frankreich gerade im öffentlichen Bereich lange zu den traurigen Selbstverständlichkeiten. Doch noch im Spätsommer hatten die beiden großen Gewerkschaften CGT und CFDT versichert, ihnen läge mehr an Verhandlungen mit der Regierung als an spektakulären Kampfmaßnahmen. Alles schien auf eine konzertierte Aktion auf französisch hinauszulaufen. Aber Regierung wie Gewerkschaften hatten voreilige Schlüsse aus der Ruhe an der Sozialfront gezogen: Die Regierung glaubte sich stark genug, die Gewerkschaftsbosse als Bittsteller bezeichnen und von oben herab behandeln zu können. Die Gewerkschaften unterschätzten die Kampfbereitschaft der Basis und die Aktivität linker Gruppen außerhalb der eigenen Organisationen.

So ist der Streik im öffentlichen Dienst zwar eine Überraschung, aber kein Zufall. Erstens sind die Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor viel sicherer als in der Privatindustrie. Zweitens ging die Bewegung nicht von den Gewerkschaften aus, sondern von Gruppen, die nach wie vor das anarchische System des "spontanen" Streiks predigen. Die Streikbewegung hatte bereits alle Post- und Postscheckämter erfaßt, als die Gewerkschaften langsam ihr Ausmaß erkannten. Noch als die Gewerkschaftler zu Verhandlungen im Postministerium antraten, konnten sie keine präzisen Forderungen präsentieren.