Als die Väter des Grundgesetzes vor einem Vierteljahrhundert den knappen Satz in ihre Verfassung schrieben: "Die Todesstrafe ist abgeschafft", handelten sie wie zweihundert Jahre früher Friedrich der Große mit dem Verbot der Folter in Preußen: Gegen die Mehrheit.

Die Anhänger von Strick und Fallbeil hörten niemals auf, den Verfassungsgesetzgeber ob seiner "undemokratischen" Entscheidung zu beschimpfen. In der Hürde des parlamentarischen Zweidrittel-Votums, die er vor eine Wiedereinführung der Todesstrafe gesetzt hatte, sahen sie nur konstitutionelle Hinterlist. Doch Humanität, oder weniger: die Selbstbeschränkung staatlicher Strafgewalt auf ihre erreichbaren Zwecke, ist nicht immer eine Frage von Mehrheiten. Die repräsentative Demokratie findet ihren Sinn manchmal auch darin, daß die Repräsentanten den Repräsentierten um ein weniges an Einsicht voraus sind.

Jetzt endlich wurden in Deutschland die Vorläufer von der Nachhut eingeholt: Nach einer Emnid-Umfrage ist 1974 zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik die absolute Mehrheit der Befürworter der Todesstrafe gebrochen. Nur noch 49 Prozent der Befragten waren dafür (1958: 80 Prozent). Das Umfrageergebnis gibt all denen Hoffnung, die sich jahrelang geduldig und manchmal verzweifelt bemüht haben, ihre Mitmenschen von der Nutz- und Sinnlosigkeit des Tötens im Namen der Gerechtigkeit zu überzeugen. H. Sch.