München

Im oberbayerischen Erholungs- und Prominentenwohnort Starnberg werden 220 alte Leute gegen 550 alte Bäume ausgespielt. Mit Argumenten des Natur- und Umweltschutzes versuchen die Bewohner eines exklusiven Villenviertels, die Errichtung eines dringend benötigten Altersheims in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu verhindern. Proteste und Prozesse sollen den Baubeginn zumindest so weit verzögern, daß der vorgesehene Bauträger die Lust an dem Vorhaben verliert. Die Rommelsberger Anstalten, der Inneren Mission angeschlossen, haben ihre Arbeit vorwiegend den Alten, Gebrechlichen, Behinderten und Geisteskranken gewidmet.

Der "Geist von Aumühle", der durch die Auseinandersetzungen der Stadtverwaltung mit den Anliegern weht, dringt selten verbal an die Oberfläche. Offiziell schiebt man gerontologische und geologische Argumente in den Vordergrund. So unterstützt die einschlägige Bürgerinitiative mit Eifer das Jammern des örtlichen Bundes Naturschutz, der die Rodung von "herrlichem Baumbestand" zugunsten einer "Steinwüste" anprangert. Der diskrete Hinweis von Bürgermeister Heribert Thallmair, daß auch beim eigenen Villenbau vor zehn bis zwanzig Jahren viele Buchen, Eichen, Lärchen und Fichten auf den teuren Höhengrundstücken an der Schießstätt- und Waldschmidtstraße fallen mußten, pflegt der Sprecher der Bürgerinitiative, Rechtsanwalt Dr. Klaus Dopfer, mit der entwaffnenden Ansicht zu kontern, nun sei aber tatsächlich genug abgeholzt worden: "Jetzt wenden wir uns entschieden gegen jede weitere Bebauung."

Der zweite offizielle Protestlereinwand gilt der angeblichen Sorge um die "armen alten Leute", die in diese Einöde – weit entfernt vom Trubel des Starnberger Stadtzentrum – abgeschoben werden sollen. "Die Senioren möchten sich doch vom städtischen Geschäftsbetrieb anregen lassen und nicht in einem Getto leben", so lautet denn auch die gerne geäußerte Meinung des Senators und Regierungsdirektors a. D., Wilhelm Baumann, einer der engagiertesten Führer der Antibewegung.

Daß er als nunmehr 80jähriger selbst seit Jahren zu diesem "Einödleben" verdammt ist (in der Nachbarschaft von ebenfalls bedauernswerten Architekten, Firmenbesitzern, Rechtsanwälten, Finanzkaufleuten und Schauspielerfamilien) trägt er hingegen ohne größere Klagen. Zwar hat Bürgermeister Thallmair längst den Verdacht des Senators a. D. entkräftet, die Stadt wolle die alten Männer und Frauen den Berg hinaufkeuchen lassen, und eine Ausdehnung des bislang kaum gefragten Busverkehrs zugesagt. Und auch die Angst der "Betroffenen" vor einem häßlichen Betonklotz in der Seelandschaft ist durch einen Architektenwettbewerb und einen aufgelockerten, maximal dreistöckigen Bauplan inzwischen gegenstandslos geworden. Doch die Alptraumaussicht auf zweijährige Störungen durch Bauschmutz und Preßluftgehämmer sowie den anschließend zu erwartenden stärkeren Verkehr in der idyllischen Villensiedlung lassen die Protestbewegung nicht einschlafen.

Wohl bestreitet heute keiner die Notwendigkeit eines neuen Altersheims in der Seestadt Starnberg, die sich nicht nur wohlhabende Münchner, sondern auch reiche Pensionäre aus dem ganzen Bundesgebiet als Alterswohnsitz erkoren haben. Immerhin sind mehr als 3000 Einwohner älter als sechzig. Allein auf die Bauankündigung hin erhielt die Stadtverwaltung 200 Anmeldungen für das geplante Heim. "Wir sind durchaus für ein Altersheim", versichert denn auch Dr. Dopfer. Aber doch nicht ausgerechnet auf diesem Grundstück. Nach dem St. Florians-Prinzip sollte das unumgängliche Heim woanders entstehen. Entweder direkt am Seeufer, im neblig-ungemütlichen Umfeld der Werft, oder auf einem winzig kleinen Hanggrundstück.

Da es in dem räumlich sehr beengten Starnberg keine akzeptable Alternative für den Bau eines neuen Altersheimes gibt, hatte der Stadtrat in der Vergangenheit einstimmig für den umstrittenen Platz an der Schießstätt- und Waldschmidtstraße entschieden, den die Gemeinde einst günstig erwerben konnte, unter der Bedingung, ihn für soziale Zwecke zu verwenden. Der Lösungsvorschlag der Anlieger aber heißt: verkauft das Drei-Millionen-Grundstück, parzelliert es notfalls für ein paar Dutzend neue Villen, und sucht mit diesem Geld irgendwo anders einen günstigeren Standort. Daß freilich bei Verkauf und Villenneubau weitere "herrliche Bäume" fallen müßten, blieb bislang unberücksichtigt.