Das Werk der Louise Nevelson steht wie ein erratischer Block in der Landschaft moderner Kunst: fremd, unzugänglich, geheimnisvoll. Dabei ist ihre Methode, Skulpturen, Schreine, Schrankwände herzustellen, eher simpel als kompliziert: Jeder sieht und versteht auf den ersten Blick, wie die Plastik zustande kommt. Die verschiedensten Holzelemente, Abfall aus der Tischlerwerkstatt, gefräste Bretter, Würfel, Rollen, Säulen, Stuhlbeine werden in Kisten gesammelt, die Kisten zu Schränken und Wänden verschachtelt, die sich durch die rätselhafte Kombination der Teile in "Schreine" verwandeln, in etwas, das mit der Außenansicht nicht identisch ist; dies setzt die spekulative Phantasie von Betrachtern und Interpreten in Gang. Man hat die Objekte der Nevelson aus ihrer Biographie abzuleiten versucht: in den Holzgestellen habe sie Kindheitserinnerungen an den väterlichen Trödelladen beschworen. Der Schrein, in dem Bruchstücke, Fundstücke der eigenen Existenz aufbewahrt und beigesetzt werden – das könnte heutigen Künstlerintentionen entsprechen. Aber schon die Titel ihrer Arbeiten – "Präsenz der Himmelkathedrale", "Schattenklang", "Huldigung an das Universum" – weisen ebenso wie ihre eigenen Texte in eine kosmische, sakrale Sphäre. In der neuesten Nevelson-Monographie, der ersten, die ins Deutsche übersetzt wurde (Germano Celant: "Louise Nevelson"; Edition Praeger, München, 1974; 110 teils farb. Abb.; 88,– DM), wird ihr Werk in diesem kultisch ritualen Sinne verstanden mit einer Entschiedenheit, die über alle bisherigen Deutungsversuche dieser Art weit hinausgeht. Die Nevelson erscheint in der Rolle der Priesterin, der Schamanin, die irdisch alltägliches Material einem Prozeß der Sakralisierung unterwirft. Diese Arbeit habe sie "als Frau und Frauenrechtlerin" geleistet, argumentiert der Autor, der ihre Kunst unmittelbar und ausdrücklich mit der "Womens’-Lib"-Bewegung in Zusammenhang bringt. "Nur wenn man Louise Nevelson als eine Frau betrachtet,die die traditionelle männliche Kulturgeschichte ablehnt, um eine authentische weibliche Kultur zu schaffen, kann man die Bedeutung ihrer Arbeit ermessen." Damit wird ein neuer und überraschender Aspekt zur Sprache gebracht, der die Nevelson-Diskussion bereichert, auch wenn er nur einen von vielen Annäherungsversuchen an das faszinierend fremde Werk der amerikanischen Bildhauerin darstellt. Gottfried Sello