Von Hayo Matthiesen

Peter Fischer-Appelt, der Präsident der Hamburger Universität, hält für das Problem ein anschauliches Bild parat: "Die Kapazität", so erläutert er die Frage, wieviel Platz und wieviel Personal denn tatsächlich in den Hochschulen verfügbar sind, sei "ein vermintes Gebiet; da muß man sehr aufpassen, daß man nicht auf eine Tellermine tritt".

Sei’s drum; der Krach einer Detonation könnte allenfalls auch wohl klärend wirken, und das wäre bei diesem Thema in der Tat angebracht. Es geht nämlich nicht nur darum, daß ein paar Tausend Studenten an den angeblich total überfüllten und vom Numerus clausus beherrschten Hochschulen doch noch das Fach ihrer Wahl studieren könnten; es geht zweitens auch darum, ob die Universitäten, und das heißt die sie tragende Gruppe der Professoren und ihre Repräsentanten, die Rektoren und Präsidenten, der Öffentlichkeit seit Jahren falsche Angaben über ihre wirkliche Leistungsfähigkeit machen – eine Frage von schamlosem Gruppenegoismus vielleicht; denn – und das ist der dritte Aspekt – vorwiegend auf Grund solcher offensichtlich unzutreffender Aussagen über ihre reale Lage war es den Hochschulen möglich, Millionen und Milliarden Mark zu erhalten – natürlich auf Kosten anderer gesellschaftlicher oder bildungspolitischer Bereiche.

Weil, wie überall, das Klappern auch zum Handwerk der Hochschulen gehört und gekonnt von ihnen praktiziert wurde, hat man sie finanziell reich bedacht. Nun scheint sich zu ergeben, daß die oft beklagte Überfüllung weitgehend nur Fiktion ist. Der geheime oder versteckte Numerus clausus ist schon immer ein Gegenstand des Verwunderns bei Politikern gewesen. Die Frage: Sind die Universitäten wirklich voll, oder behaupten sie nur, voll zu sein? wird seit Jahren gestellt, wurde aber nie beantwortet.

Grund zur Skepsis gab es stets genug. So rechnete Hildegard Hamm-Brücher als Staatssekretärin in Bonn 1970 vor: In Medizin wurde die Zahl der Lehrpersonen von 1960 bis 1969 um 50 Prozent vermehrt; im selben Zeitraum sank die Zahl der Studienanfänger aber um 31 Prozent. Darauf zog die Politikerin den Schluß: "Der Zugang zum Medizinstudium wird restriktiv gedrosselt."

Ähnlich Klaus von Dohnanyi als Bildungsminister im November 1973: Schon 1965 wurden 6393 Studenten zum Medizinstudium zugelassen, 1969 waren es 5428, aber 1972 nur 6604 – dabei ist allein von 1969 bis 1972 das wissenschaftliche Personal um 33 Prozent verstärkt worden. Die Kapazitäten haben also offenbar stärker zugenommen als die Zahl der Studenten. Einfache Folgerung: Es muß noch beträchtliche Reserven an Raum und Personal geben.

Und so ist es wohl auch. Eine Studie des Stuttgarter Kultusministeriums weist jetzt nach, daß in Baden-Württemberg mehrere Fakultäten und Fachbereiche in Wirklichkeit gar nicht ausgelastet sind. Etwa ein Drittel mehr Chemiker, Architekten, Bauingenieure oder Juristen könnten in Stuttgart, Karlsruhe oder Heidelberg studieren, als dort gegenwärtig, eingeschrieben sind. Eine andere, der Presse bisher vorenthaltene Untersuchung über die "Wirtschaftlichkeit des Mitteleinsatzes" an der Universität Erlangen-Nürnberg kommt zu ähnlichen Resultaten.