Von Dieter Piel

Die Hose naßgeregnet, die Schuhe verschlammt und die Füße wundgelaufen: Ein Glück, daß ich daran nicht vorher gedacht habe. Ich hätte mich sonst mit Sicherheit nicht auf den Weg gemacht, mit 18 Pfund Gepäck auf dem Rücken und zehn Tagesstrecken vor mir. Bestimmt hätte ich mich bequem in meinen Wagen gesetzt und mein Ziel in längstens drei Stunden erreicht. Aber sicher ist auch: Ich hätte eine denkwürdige Ferientour versäumt.

Ich hätte mich dann um die Erfahrung gebracht, daß man das volksreiche Nordrhein-Westfalen durchqueren kann, von Bonn im Südwesten bis ins Lippische Bergland im Nordosten, und doch kaum einer Menschenseele begegnet – außer denen, die man bisweilen nach dem Weg fragen muß und jenen, die man abends im Hotel trifft. Noch immer würde ich diesem Land nicht zutrauen, was es doch reichlich bietet: Ruhe und frische Luft. Nun aber weiß ich: NRW, dieses drei-Buchstaben-Gewirr aus Menschen und Lärm, ist erholsam, wenn man nur schnell und ausdauernd genug hindurchläuft.

Der Preis dieser Erfahrungen: Ein Zehrgeld von höchstens fünfzig Mark pro Tag, ausreichende Mengen Verbandszeug und Salben für die Füße, die Kosten für Regenzeug, Wanderstiefel und Rucksack. Und der Lohn: Viel Erholung in wenigen Tagen und nahe der eigenen Haustür.

Eine Fußwanderung über mehrere Tage hinweg – das ist eine gewaltige und doch nützliche Schikane für müde Körper. Sie zeigt den Füßen, wozu sie da sind. Sie läßt das Herz in einer Stunde mehr leisten als sonst in zwei Tagen. Sie bringt Sauerstoff in die Lungen und schier penetrantes Leuchten in die Augen: Gesundheit auf Schritt und Tritt.

Lediglich die ersten paar Kilometer habe ich mit dem Taxi zurückgelegt: Bonn ist mir denn doch ein bißchen zu vertraut, als daß ich es auch noch durchwandern möchte. Danach aber war mir fast alles neu. Daß es in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadt, in der mich ein ungutes Schicksal seit etlichen Jahren wohnen und arbeiten läßt, Ortsbezeichnungen wie Bennert und Boserodt gibt; daß zwischen Stadt und Provinz nur ein kleiner Hügel zu liegen braucht; daß sie zuweilen in einem Dorf nicht wissen, wie das nächste heißt, daß sich die Klangfarbe der Sprache von Kirchturm zu Kirchturm ändert – all das beginnt zu interessieren.

Zwischen dem Siegkreis, wo sie so sprechen wie Karl Wienand, und dem Oberbergischen, wo man mit der deutschen Sprache schon wieder recht ordentlich umgeht, liegt nur ein kleiner Waldrücken, die Nutscheid, zehn Kilometer lang und drei Kilometer tief. Sie verändert die Sprache, sie trennt religiöse Gruppen, und sie verwirrt offenbar die Sinne: Als ich mich im Flecken Spurkenbach nach dem Weg ins nächstgelegene Krahwinkel erkundige, schickt mich eine überaus hilfsbereite Ansammlung von Dorfbewohnern, vermutlich ohne böse Absicht, nach Bladersbach Dort erkundige ich mich, schon etwas resignierend, wiederum nach Krahwinkel – vergeblich; das Kaff, nur vier Kilometer entfernt, ist den Leuten unbekannt. Der Teufel hole die Nutscheid.