Sie fährt einen Porsche, der ihrem Chef gehört, ißt am liebsten Rehbraten, heißt Ingrid und auch noch Jürgens, rührt sieben Jahre lang keinen Mann an und schläft dann mit zweien durcheinander, legt sich einen Hund zu (der ihr nicht gehört) und mit allen möglichen Leuten an, mit denen sie besser Frieden hielte. Denn sie hat den Auftrag, in dem (fiktiven) Schwarzwaldort Waldmannshausen Grundstücke aufzukaufen, mit denen sich ihre in Hannover ansässige Immobilienfirma in ein Geschäft einschleichen will, das die Konkurrenz schon erschlossen hat. Weil ihr alles ziemlich danebengeht und sie mit sich, dem Maklergeschäft, dem Landschaftsschutz, der Umweltverschmutzung und den Liebesaffären nicht ins reine kommt, beschließt sie endlich, das alles aufzuschreiben. So jedenfalls behauptet es –

Willi Heinrich: "Liebe und was sonst noch zählt", Roman; C. Bertelsmann Verlag, München, 1974; 502 S., 29,50 DM.

Es ist nicht das erstemal, daß Willi Heinrich, Jahrgang 1920, ehemaliger Autor von bewegender Kriegsliteratur ("Das geduldige Fleisch"), einer Ich-Erzählerin seine Mitteilsamkeiten in die Feder gibt. In "Maiglöckchen oder ähnlich" hieß die Dame Simone (und war lesbisch), in "Mittlere Reife" hieß sie Ruth (und war verklemmt). In jedem Fall aber sind die redseligen Frauen, mit denen sich der Romancier umgibt, sexuell ebensowenig geordnet wie in ihrem Selbstgefühl. So hat der Leser auch bei Ingrid Jürgens unentwegt das Bedürfnis, ihr gut zuzureden, damit sie nicht den nächsten blödsinnigen Fehler macht.

Das ist, versteht sich, kein schlechter erzählerischer Trick des Autors. Er erreicht die Anteilnahme des Lesers über die offensichtlichen Schwächen seiner Hauptfiguren – und er ist außerdem fein heraus: Nicht Heinrich ist schließlich schuld daran, wenn sich die emanzipierten Frauen genauso verhalten, wie es männliches Vorurteil schon immer gewußt hat. Denn Ingrid ist, landläufig betrachtet, als Frau außerordentlich fortgeschritten, nicht nur geschieden, sondern auch erfolgreich in dem, wie sie sagt, "harten Männerberuf" der Maklerei. In Waldmannshausen freilich bekommen Karriere und Emanzipation einen Knick, weil Ingrid sich von dem "linken" Lehrer Kronthaler imponieren und ins Bild setzen läßt über Miesigkeiten im Dorf sowie die Spekulation auf ein landschaftszerstörendes Appartement-Hotel, weil sie sich in krude Abhängigkeiten begibt und an einer nächtlichen Aktion teilnimmt, bei der Kronthaler nebst Freunden den Müll, den die Dörfler in den Wald zu werfen pflegen, zurückholen und auf den Marktplatz pflanzen.

Es ist die Geschichte einer Mittdreißigerin, die, wie weltläufig auch immer, auf einmal versagt, weil sie sich von ihren verdrängten Bedürfnissen (wörtlich) übermannen läßt. Da sie in diesem Zustand nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist und da sie nie mehr genau und sicher weiß, was zu tun richtig oder falsch wäre, darf sie auch (denkt wohl Heinrich) ungestraft sowohl auf die Linken als auch auf die Rechten, auf die Politiker sowieso, auf Geschäftemacher, Spekulanten und Bauernschläue sowie auf deren Kritiker herumklopfen. Heinrich hat das Grund-und-Boden-Geschäft offensichtlich gründlich studiert (solche Detailgenauigkeiten gehören zu seinen Stärken), aber er hütet sich (ängstlich?), entschieden Stellung zu beziehen.

Die Chance, mit dem vorzüglichen Transportmittel des Unterhaltungsromans dieser Gesellschaft und ihren Zuständen energisch an den Karren zu fahren, wird von Heinrich wahrscheinlich nicht einmal erkannt. Er will in der Mitte bleiben. So reduziert sich, was das Zeug zur ätzenden Satire gehabt hätte, auf eine bequeme und über weite Strecken angenehm zu lesende Komödie, nicht zupackend, sondern weitschweifig bieder erzählt. Die Ambitionen im erzählerischen Raffinement, die man vor wenigen Jahren noch mit Sympathie registrieren konnte, sind einer Routine anheimgefallen, mit der auch Geschwätzigkeit vordringt. Freilich, nicht zu vergessen, von einer des Schreibens bisher unkundigen Frau. Und was schließlich kann man von einer Frau schon anderes erwarten... Peter W. Jansen