"Renate die Landplage", von Beverly Cleary. Daß dieses Buch ein wichtiges gesellschaftliches Motiv verarbeitet, merkt man erst am Ende, wenn man sich nach der heiteren Lektüre Gedanken macht – und die macht man sich über die fünfjährige Renate und den Beginn ihrer Vorschulzeit. Renate, das krakeelige, schubsige Mädchen, das immer ein wenig lauter ist als die anderen, weil sie sich als die jüngste der Familie auch als schwächste vorkommt; das immer in Verteidigungsstellung steht, obwohl alles vor ihr die Flucht ergreift. Der schöne dünnbeinige David etwa, weil sie ihn immer auf dem Schulhof küssen will; der störrisch-langweilige Herbert, mit dem sie unter Aufbietung aller möglichen Listen und Kraftakte um ein rotes Band kämpft, das übrigens von Fräulein Binney, der heißgeliebten, bewunderten Lehrerin stammt, die in die Abgründe eines mutigen Schülerherzens zu blicken und zu verstehen vermag, warum Renate die mädchenbrave Susanne an ihren Korkenzieherlöckchen zieht. Jede Seite ist wirklich Renate, aggressiv, vergnügt, listig und laut und sehr wach. Eigentlich sollten Erwachsene das Buch erst einmal lesen, damit sie wissen, was Kinder denken und fühlen. (Union, Stuttgart; 120 S., 12,80 DM)

"Martys Irischer Sommer", von Käthe Recheis. Marty lebt mit ihren Eltern in Irland, der Vater ist beruflich stark engagiert und reist viel. Eines Tages streiten die Eltern. Marty hört, wie ihre Mutter dem Vater vorwirft, er fahre wieder einmal "wegen der da" nach Frankfurt. Marty ist das unheimlich: instinktiv spürt sie, daß da mehr kaputt ist, als wenn ein Glas zu Boden fällt und sie deswegen geschimpft wird. In der Hütte im Garten entdeckt sie einen fremden Mann mit Hund, bei ihnen vergißt sie dieses unheimliche Gefühl wieder – was Wunder, daß sie sich die beiden zu Freunden wünscht. Sie werden es auch – fern am Meer, wohin die Mutter mit ihr fährt. Ferien sollen es sein – Ferien werden es auch voller Überraschungen, wie sie nur in Irland sein können, mit verwunschenen Türmen und verwirrten Gefühlen. Als die Mutter schließlich noch Gefallen an Martys Freund findet, wird die Sache ungemütlich: Männer teilt man sich nun mal nicht – auch nicht mit der eigenen Mutter. (Oetinger, Hamburg; 157 S., 12,80 DM)

"Argen die Möwe", von Franklin Rüssel. Ein riskantes Unterfangen, einmal wieder eine vermenschlichte Tiergeschichte zu schreiben, ist gelungen: Eine Möwe, die sich vom Nestjungen zum kühnen Wellensegler entwickelt. Sie muß das Abenteuer Selbstbehauptung täglich neu bestehen, ist immer der Gefahr Leben ausgeliefert und von der Katastrophe nur zu oft bedroht Seite für Seite ist das zwar ein wissenschaftlicher Exkurs, aber eben doch kein Ornithologie-Lehrbuch, sondern lyrisch erzählt wie ein Märchen (Sauerländer, Aarau; 190 S., 14,80 DM)

"Wer weiß wohin... Zwei Schwestern und ihre Freunde", von Franziska Grube. Eine Auseinandersetzung mit der Karrieregesellschaft. Die dreizehnjährige Julia und die 17jährige Cat sind Töchter eines ehrgeizigen Diplomatenehepaares, das seinen Aufstieg jäh und mit dem totalen Verzicht auf menschlichen Umgang verfolgt. Die Töchter leiden unter den starren Puppenspielen der Eltern, die sich auf jeder Cocktailparty ihre Gesprächspartner aufs genaueste aussuchen, ihre Ehe und Familie in anstrengender Kleinarbeit zusammenhalten, obwohl sie überall Risse zeigt, in Ermangelung von Geld den alten adligen Namen des Vaters in Ehre packen müssen. Das Ziel, und sie schaffen es vielleicht sogar: große diplomatische Karriere, auch wenn der Weg übet Tropenhölle und Botschaftsgetto geht. Die Töchter verstehen das nicht, wollen es nicht mitmachen, verschließen sich und suchen sich Freunde, die kaum in die hochfliegenden Pläne der Karrieristen passen. Aber auch ihre Welt bietet keinen Ausweg dahin, wo die Gefühle sozusagen frei sind und wo die Menschlichkeit haust. Sie bietet zunächst nichts als Verwirrung, Oberflächlichkeit und Versagen. Die beiden Mädchen lernen ihre Eltern verstehen, aber gehen sie denselben Weg? (Herder, Freiburg; 189 S., 13,80 DM)

"Mädchengeschichten unserer Zeit", gesammelt von Barbara Bartos-Höppner. Ein Band mit Erzählungen bekannter Kinder- und Jugendbuch-Autoren. Sie alle haben sich etwas zum Schlagwort’ "Emanzipation" einfallen lassen, nicht allen ist etwas Überzeugendes gelungen, einige aber reichen ins Novellistische. Da ist die junge Strafgefangene auf ihrem ersten Stadturlaub; die Spätaussiedlerfamilie, die sich in der neuen Heimat nur schwer zurechtfindet; ein junges Mädchen, das nach dem frühen Tod ihres Vaters lernen muß, sich selbst zu behaupten. Wir treffen Zdenek K. Slaby wieder, den Autor des "Orangefarbenen Mondes", oder Katherine Allfrey, die eine kriminalistisch-gespenstische Geschichte serviert. Schon allein dieser Titel wegen lohnte sich das Buch, und leicht kann man über dünne Studien hinwegsehen. (Arena, Würzburg; 160 S., 14,80 DM)

"Gruß und Kuß – Dein Julius", herausgegeben von Hildegard Krähe. Schon die Idee einer solchen Briefologie für Kinder stimmt hoffnungsvoll, das Ergebnis aber ist preisenswert: eine Anthologie von Briefen – vorwiegend des 19. und 20. Jahrhunderts – deren Empfänger oder Absender Kinder sind, von Spaßbriefen, von gemalten und erzählten Briefgeschichten und -gedichten. Am schönsten wohl immer noch Lewis Carroll! Dazu wirklich unwiderstehliche Illustrationen alter und neuer Art. Wenn man partout tadeln will: ein bißchen angestrengt wirkt der (einzige) plattdeutsche Brief, trocken die historischen Belehrungen der Herausgeberin über Briefliches und Postwesen. Aber: eine reelle Sache für passionierte Leser ab etwa acht Jahren. Dies Briefbuch ist ein Schatz, den man immer wieder liest. (Ellermann, München; 184 S.; 12,80 DM)

"Die grüne Uhr", von Christa Spangenberg. Ein sorgfältiges, leider teures Kinderbuch, das von Garten-, Zimmer- und Feldblumen berichtet, über Sträuche und Bäume, über Garten- und Landarbeit, je nach Jahreszeit. Besonders erfreulich, daß etwas von der Rolle einiger Tiere für die Pflanzen angedeutet wird. Anstelle von naturkundlicher Betulichkeit oder Schwärmerei herrscht Sachlichkeit. Daß Fragen offenbleiben ("In den Wiesen der Bauern sind Unkräuter nützlich" – ein Hinweis aufs Vieh wäre für Stadtkinder gewiß nicht überflüssig), stört kaum, eher schon die manchmal holpernde, gestelzte Sprache. Die Bilder: schön, liebevoll, exakt, informativ und künstlerisch zugleich. (Bilder: Irmgard Lucht; Ellermann, München; 38 S., 18,– DM)