Von Wolf Donner

Bereits der erste Anblick der Mädchen, schrieb Kapitän Samuel Wallis bei seiner Landung in Tahiti 1767, war so überwältigend, daß er "alle unsere Männer ganz verrückt nach einem Landgang machte – selbst die Kranken, die schon wochenlang auf der Liste des Arztes standen". Der Franzose Bougainville, der ein Jahr später am gleichen "Point Venus" an der Nordspitze der Insel landete, nannte sie wegen ihrer Freizügigkeit in der Liebe La Nouvelle Cytbere, und auch der große Südseeforscher James Cook, der ein weiteres Jahr später kam, war nicht weniger hingerissen.

Die Matrosen der berüchtigten "Bounty", die 1788 Tahiti anlief, beließen es nicht bei schönen Worten: Sie verbündeten sich mit einem Stammeshäuptling, schickten ihren Kapitän Bligh zum Teufel, nahmen sich die begehrten Mädchen und siedelten sich in der Südsee an. Auf Pitcairn, gar nicht weit südöstlich von Französisch-Polynesien, leben die Nachkommen der Meuterer und ihrer Tahiterinnen noch heute, sehr ärmlich, streng unter sich, abgeschlossen von der Welt. Zyniker, sagen, die etwa 150 Leute auf Pitcairn, die fast alle Fletcher, Mills oder Smith heißen, lebten vor allem von den seltenen Briefmarken, die sie für viel Geld an Sammler in alle fünf Erdteile verschicken.

Zweihundert Jahre lang war Tahiti der Traum aller Südseefahrer, und Seeleute aller Nationen dichteten mit am Mythos dieser Mädchen, ihrer Schönheit, ihrer spontanen Herzlichkeit, ihrer unbegreiflich natürlichen Liebesbereitschaft. Nach den Matrosen kamen andere, nicht weniger .zweifelhafte Vertreter der weißen Rasse in das gelobte Land: Walfänger, Sträflinge, Missionare, Sklavenhändler, Soldaten, Kolonialisten, dann die Künstler (Gauguin, Melville, Stevenson, Maugham) und am Ende die Touristen. Der Mythos der Tahiterinnen blieb, und seltsamerweise ihr unverfälschter Charme auch.

Noch immer kommen jährlich Tausende Fremde, und jeder kann Polynesien anders erleben: als ein Gebiet mit einigen der schönsten Landschaften und Inseln der Welt, als Inkarnation europäischer Südseeträume, als akutes Notstandsgebiet, als eine politisch unsichere Kolonie inmitten selbständiger Inselstaaten, als das gefährliche Terrain der französischen Atomversuche, als eine ethnologisch und archäologisch noch kaum erschlossene Fundgrube. Und natürlich als Ferienparadies.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts stand Tahiti unter französischer Schutzherrschaft. 1880 übergab König Pomaré V. (böse Zungen behaupten: im Suff, seinem Dauerzustand) sein Reich, nachdem es die Engländer abgelehnt hatten, offiziell den Franzosen, und die erklärten es 1946 erneut zu ihrem Überseeterritorium.

Etwa 130 Inseln gehören zu Französisch-Polynesien, die in fünf Gruppen unterteilt sind: Gesellschafts-, Tuamotu-, Gambier-, Marquesas- und Austral-Inseln. Sie haben etwa 125 000 Einwohner, davon leben gut 30 000 in der Hauptstadt Papeete auf Tahiti; 77 Prozent sind Polynesien 14 Prozent Europäer, 9 Prozent Asiaten; Hauptausfuhrgüter sind Kopra, Kaffee, Vanille. Amtssprache ist Französisch, in den Hotels auch Englisch, auf den Außeninseln das dem Samoanischen vergleichbare Tahitisch.