Der Fremde kommt meist in Papeete an, im Hafen mit den mondänen Yachten aus aller Welt oder auf dem internationalen Düsenflughafen. Hektischer Autoverkehr, Modeboutiquen (wie fast alle Geschäfte von Chinesen geführt), nervöser Bürobetrieb, Leute, die keine Zeit haben: eine etwas überspannte und groteske Monokultur, ein Flecken, der Großstadt spielt. Etwa 84 000 Einwohner hat die Insel – und gut 40 000 Autos, obgleich es nur eine einzige Straße rund um den allein bewohnbaren schmalen Küstensaum gibt; quer durchs Gebirge soll nun eine neue Autostraße gebaut werden.

Selbst das St. Pauli von Papeete, der berüchtigte Quai Bir Hakeim, muß Hochhäusern weichen, und "Quinn’s", ein Bierschuppen, der in viele Südseeromane einging, wurde Anfang des Jahres für ein Bürogebäude eingerissen.

Modern Times auch bei den Preisen. Für einen Tag in Tahiti, warnt der neue Guide Bleu, braucht man viermal soviel Geld wie in Paris. Flüge, Taxis, Hotels, Restaurants, Kleidung, Filme sind unverschämt teuer. Auf jedem Importgut – und was muß nicht hierher importiert werden – liegt neben Fracht, Zoll und Versicherung eine hohe Einfuhrsteuer, vier Prozent Steuern kommen bei jeder Übernachtung hinzu: Frankreich pumpt nicht nur enorme Summen in seine Südseekolonie, es pumpt sie auf der anderen Seite auch wieder aus. Die Preise für Benzin und für alle Grundnahrungsmittel klettern rapide, die Unruhe wächst. "Kein Tag", klagt das Journal de Tahiti, "ohne Streik, ohne weiteren Preisanstieg, ohne Boykotts."

Das Vernünftigste, was man in Tahiti machen kann: das exklusive Papeete schnell verlassen, in einen der trucks steigen (kleine offene Busse, die wie Spielzeugautos aussehen) und einmal um die Insel fahren, vorbei an türkis schimmernden Lagunen, an Stränden schöner als in jedem Reiseprospekt, an einer Farben- und Blumenpracht, die Photographen ganz närrisch macht, durch idyllische Fischerdörfer, zum Gauguin-Erinnerungs-Museum in Papeari, zum St.-Tropez von Tahiti, dem dezent-bescheidenen Punaauia. Hier hat auch Marlon Brando sein Haus: Bei den Dreharbeiten zur "Meuterei auf der Bounty" blieb er bei einer Tahiti-Schönheit – wie jener Fletcher Christian, den er spielte. Auf dem Atoll, das Brando gekauft hat, will er mal ein Forschungsinstitut für Meeresnahrung, mal Touristenbungalows bauen, man kann es auf jeden Fall besichtigen.

Fremde dürfen kein Land mehr erwerben (genauer: es geht nur noch durch Hintertürchen), weil die Überfremdungsgefahr zu groß wurde. Die Franzosen kontrollieren die Politik, die Chinesen machen die Geschäfte, und die Tahiter – besitzen Land. 85 Prozent des gesamten Gebietes gehört ihnen; oft aber verlassen sie ihren Besitz, lassen ihn verkümmern und nehmen einen einträglichen Job in einem Hotel an. Die ihr Land an Franzosen, an Hotelgruppen verkauften, gehören heute neben den etwa 10 000 Franzosen und einigen Ärzten, Rechtsanwälten, Geschäftsleuten und Hoteliers zur kleinen reichen Oberschicht. Die anderen verdingen sich im Dienstleistungsgewerbe, gammeln, warten ab; seit etwa zwei Jahren ziehen sich viele, weise geworden, auf ihr Land zurück und bauen wieder Kopra.

Durch die neuen Atomversuche auf dem Mururoa- und dem Fangataufa-Atoll regt sich mit neuer Verve die Unabhängigkeitsbewegung in Tahiti. Wo eine kleine Elite Geld, Einfluß und alle Privilegien hat und die ursprünglichen Bewohner, durch ihre gemächlich-freundliche Mentalität bedingt, nur zu Hilfsarbeiten zugelassen sind, muß man von Kolonialismus sprechen. Die Franzosen haben nichts zur Erhaltung traditioneller ethnischer und sozialer Strukturen dieser Inseln getan oder sich für ihre Vergangenheit interessiert; die Grabungen auf Moorea und Raiatea, wo man das legendäre "Hawaiki", das Ursprungsland der später nach Neuseeland gezogenen Maoris, vermutet, wurden von der Universität Auckland und vom Bishop-Museum in Honolulu finanziert

Woher die Maoris kamen, weiß niemand. Der Schwede Thor Heyerdahl wollte beweisen, daß diese Urpolynesier nicht aus dem ostasiatischmalaiischen Raum, sondern aus Peru in den Pazifik kamen. Bei seiner berühmten Expedition mit dem Floß Kon Tiki 1947 von Peru nach Tahiti war auch Bengt Danielson dabei, der heute als Mitarbeiter des Bishop-Museums in Tahiti lebt. Danielson ist ein erbitterter Gegner der französischen Politik im Pazifik. Er versicherte mir, daß heute alle Parteien und alle Inselgruppen die Autonomie wollten, nicht nur die Studenten. Unabhängigkeit dürfe aber nicht heißen, daß Frankreich die jährlichen Subventionen streiche, die es dem Land schulde. Tahiti brauche ein neues Selbstbewußtsein, mehr Tahiter müßten Zugang zu den Spitzenjobs bekommen, zu viele Hotels seien in ausländischen Händen oder führten ihre Gewinne ins Ausland ab, das soziale Gefälle von arm und reich sei unerträglich.