"Schon die ersten Weißen haben Gewehre, Alkohol und Geschlechtskrankheiten in die Südsee gebracht", meint Danielson sarkastisch, "und diese Form von ,Eroberung‘ und Kolonialismus ist geblieben. Achtlos hat Frankreich Autos, Konserven, Banken, Hotels, Militär- und Atomstationen nach Tahiti eingeführt und es gleichwohl zu einem Notstandsgebiet herabgewirtschaftet." In Papeete lungern bereits einige tausend Proleta-

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rier herum, die einmal für Bauten französischer Anlagen gebraucht wurden und nun die Alkoholismus- und Kriminalitätsraten klettern lassen; überall begegnet man jungen Tahitern, die wegen der schlechten Ernährung sehr schlechte oder schon gar keine Zähne mehr haben; Tahiti hat die niedrigsten landwirtschaftlichen Erträge im gesamten Südseeraum. Nicht einmal der natürliche Reichtum des Meeres wird genutzt: Vor den Küsten fischen Koreaner, Japaner und Formoser, in American Samoa wird der Fisch in Dosen verarbeitet, dann nach Kalifornien transportiert und von da wieder zurück nach Tahiti eingeführt!

Die Atomversuche, gegen die die umliegenden Länder immer wieder empört protestierten, nennt Danielson läppische Großmachtspiele à la "Dr. Strangelove", wahnsinnig teuer, aber absolut irrelevant für die internationale Forschung. Schon ein geringer Anteil der dafür ausgespuckten Gelder wäre eine unschätzbare Hilfe für das Land. In seinem neuen Buch mit dem provozierenden Titel "Mururoa mon amour" beschreibt Danielson die Geschichte Französisch-Polynesiens seit dem Zweiten Weltkrieg, appelliert an Frankreich, die Tests einzustellen, und plädiert für die Selbstregierung Tahitis.

Auch der Tourismus ist vielfach sorglos und über die Landesinteressen hinweg gehandhabt worden, von billiger Hotelfolklore und einer abgeschmackten Routine, das Wunschobjekt "Südsee" an den Mann zu bringen, bis zur Fehlplanung und einer selbstmörderischen Preispolitik. Die Insel Moorea zum Beispiel, wegen ihrer Strände und Lagunen, der gigantischen vulkanischen Formationen und der üppigen tropischen Vegetation besonders beliebt (auch als Filmkulisse), ist mit Zwölf Hotels inklusive Club Méditerranee bereits übersättigt, was seit der Ölkrise vor allem die kleinen lokalen Unternehmen spüren. Die Amerikaner, die früher 70 Prozent der Hotels füllten, blieben immer stärker aus, Europäer halten sich bei 20 Prozent – Tahiti wartet auf die japanische Invasion, auf tägliche Charterladungen, die seit 1973 von der Air France und ab Ende 1974 auch von japanischen Linien herbeigeschaufelt werden.

Doch das besagt wenig bei einem Gebiet von 130 Inseln, das zudem sehr teuer ist, sehr weit entfernt liegt von der sogenannten zivilisierten Welt und das durch die unverwüstliche Lebensfreude seiner Bewohner gegen jede Form kultureller Ausbeutung, auch gegen den Massentourismus, gefeit zu sein scheint. Selbst auf den vom Tourismus erschlossenen Inseln wie Huahine, Raiatea, Bora Bora oder Rangiroa ist man außerdem nach wenigen Schritten aus dem Hotel heraus allein, kann man mit Pferd, Fahrrad oder Boot traumhaft schöne Landschaften erleben, als sei man Robinson. Und das ist nur eine Alternative zum Angebot der Hotels: Faulenzen in großzügigen und reizvollen Bungalow-Anlagen, jeder denkbare Wassersport von Ski bis zu Expeditionen durch endlose Korallengärten, Ausflüge und, auch das, Gesang und Tanz, von Tahitern dargeboten.

Bora Bora, sagt der Romancier James A. Michener, sei die schönste Insel der Welt. Der Flughafen liegt weit draußen auf dem Riff; mit dem Boot fährt man durch die viel beschriebene Lagune, deren Wasser erst fahlgelb, dann türkis, smaragdgrün und am Ende tiefblau scheint, vorbei an dem kleinen Motu Tapu, auf dem Murnau um 1930 den schönsten Südseefilm, "Tabu", gedreht hat. Der Inselsplitter ist heute, wie auch viele andere Inseln, Naturschutzgebiet; außerdem bedürfen alle Bauten auf den Außeninseln Tahitis einer Genehmigung, dürfen Hotels nur einstöckig und im Bungalow-Stil errichtet werden: erste Anzeichen für ein Umweltbewußtsein, dem die Touristen entsprechen könnten, indem sie nicht in airconditioned Hotelhallen lungern, über verlorene Post, laschen Service, die provozierende Nonchalance eines Tahiters schimpfen, dabei aber nach "Ursprünglichkeit" und "echter Südsee-Romantik" schreien, sondern indem sie dieses Land und seine Menschen zu begreifen versuchen.