Trotz steigender Gebühren wollen die Postbeamten den Dienst am Kunden einschränken

Erschreckt pfiff die Zentrale der Deutschen Postgewerkschaft (DPG) in Frankfurt ihre Hamburger Kollegen zurück: Annähernd 5000 Briefträger könnten ihre Tasche für immer an den Nagel hängen, wenn das Hamburger Beispiel, den Postkunden zum Verzicht auf die Samstagszustellung zu bewegen, im Bundesgebiet Schule machen würde. Denn die Gewerkschaftsführung betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, ihren Dienstherrn auf Möglichkeiten zur Personaleinsparung hinzuweisen. Andererseits wollte sie den ersten erfolgreichen Versuch, den Abbau von Dienstleistungen nicht zu oktroyieren, sondern als Bedürfnis des Betroffenen darzustellen, nicht mehr stoppen.

In 31 von 33 Hamburger Zustellbezirken haben Postkunden nämlich auf ihr Recht verzichtet, auch am Samstag Post zu erhalten. Erst kürzlich verteilten die Briefträger im Universitätsviertel der Hansestadt vorgedruckte Verzichtserklärungen. "Ich möchte meiner Briefträgerin beziehungsweise meinem Briefträger die Arbeit am Sonnabend erleichtern und verzichte für mich und meine Familie bis auf Widerruf auf die Zustellung von Postsendungen an Sonnabenden" hieß es darin. 32 Prozent der von der DPG in Hamburg Gebetenen unterschrieben die Karten. Durchschnittlich meinten 46 Prozent aller bisher befragten Haushalte am Wochenende auf Post verzichten zu können, in einzelnen Bezirken gaben bis zu 87 Prozent ihr Einverständnis. "Das Echo war überraschend positiv", freute sich Wilhelm Mendel, Bezirksvorsitzender der DPG in Hamburg.

Die findigen Hamburger Gewerkschafter hatten schon 1970 einen Passus im Postverwaltungsgesetz aufgespürt, der dem Kunden einen freiwilligen Verzicht auf Postbelieferung einräumt. "Die Zustellungspflicht der Post kann nicht über den Wunsch des Kunden, auf bestimmte Sendungen zu verzichten, hinausgehen", gibt Friedrich Holst, Sprecher der Oberpostdirektion Hamburg zu bedenken.

Mit dem Argument, viele Firmen hätten bereits auf die Zustellung am Samstag verzichtet, weil dort ohnehin nicht gearbeitet wird, brachte die DPG zwei gegensätzliche Interessen unter einen Hut: Die Postverwaltung, die sich ständig gegen den Vorwurf mangelnder Rationalisierungsbemühungen wehren muß, und den Postkunden, der durch Abbau von Dienstleistungen und deren gleichzeitige rasante Verteuerung verärgert ist. Seinen Verzicht erklärt der Kunde nämlich der Postverwaltung, obwohl die Aufforderung dazu von der Gewerkschaft ergangen ist.

An das soziale Gewissen der Postkunden appellierend schreibt die Gewerkschaft: "Wie Sie wissen, ist in den meisten Bereichen der Wirtschaft die Fünf-Tage-Woche eingeführt. Die meisten Behörden sind an Sonnabenden geschlossen. Viele Arbeitnehmer haben sonnabends frei. Ihr Briefträger muß jedoch an allen sechs Tagen in der Woche arbeiten. Einen finanziellen Ausgleich oder Dienstbefreiung an anderen Tagen gibt es dafür nicht."

Dieses Argument der DPG war so lange stichhaltig, wie unbesetzte Beamtenstellen im Zustelldienstmit Angestellten und Arbeitern aufgefüllt werden mußten und in anderen Bereichen der Wirtschaft Hochkonjunktur und offene Stellen vorherrschten. Doch seit Anfang dieses Jahres steigen die Arbeitslosenzahlen und der öffentliche Dienst gewinnt wegen seiner sicheren Arbeitsplätze wieder an Attraktivität. Die Hamburger Oberpostdirektion machte den Zustellern deutlich, wohin ihre Kampagne zur Arbeitsentlastung auch führen kann.