Wieder einmal geht das Gespenst einer Aussöhnung zwischen Peking und Moskau um. Zwar verließ der chinesische Botschafter wie üblich den Raum, als Außenminister Gromyko bei der Jahresfeier zur Oktoberrevolution in einer Festrede zur Verdammung der Mao-Führung ansetzte. Aber gleichzeitig tat die chinesische Regierung in ihrem Glückwunschtelegramm Neuartiges kund: Sie schlug Moskau den Abschluß eines Nichtangriffspaktes vor.

Die Tatsache, daß ein solcher Pakt zwischen zwei zur kommunistischen Bruderschaft gehörenden Staaten überhaupt zur Diskussion steht, ist ein Beweis dafür, wie tief das sowjetisch-chinesische Verhältnis zerrüttet und wie weit der Weg zurück ist. Außerdem verheißt das Klima, das die Pekinger Nichtangriffsattacke umgibt, weder Wärme noch Wandel: die seit 1969 geführten Grenzverhandlungen sind festgefahren wie eh und je; die im März aufgegriffenen Sowjetpiloten bleiben mitsamt ihrem Helikopter als Beutestück in chinesischem Gewahrsam; die gegenseitigen Beschimpfungen vor internationaler Zuhörerschaft dauern an; der Inhalt der jüngsten chinesischen Avance wird dem sowjetischen Publikum vorenthalten – am Feindbild soll nicht gerüttelt werden.

Auch eine genauere Lektüre des Pekinger "Angebots" ergibt, daß weniger ein neuer Schritt nach vorn als vielmehr ein neuer Tritt an Ort und Stelle getan wird: Da wird zur Nebensache – "unter anderem" – degradiert, was der Kreml immer als Hauptsache behandelt sehen wollte, nämlich Gewaltverzicht und Nichtangriffspakt. Und das, was die Sowjets immer vehement von sich wiesen, nämlich die extensive chinesische Version des Kossigyn/Tschou En-lai-Treffens vor 1969, vor allem der beiderseitige Truppenrückzug aus den "umstrittenen Regionen" am Ussuri und Amur, wird zum Kern der Sache deklariert, auf die Peking sich einlassen will.

Dennoch: "Wenn sich Gras bewegt, dann bläst auch Wind." Das chinesische Sprichwort verdient Beachtung. Was heute in Richtung Moskau nur chinesische Taktik sein mag – um den Sowjets vor den Augen der (Dritten) Welt den Schwarzen Peter und das Neinsagen zuzuschieben oder um den Amerikanern vor Präsident Fords Wladiwostok-Besuch und Kissingers Peking-Reise den Schweiß auf die Stirn zu treiben – könnte eines Tages wieder zur Strategie werden. Was heute nur nach Pekinger und chinesischer Papiertigerei aussieht, kann sich in Politik mit Zähnen wandeln. Erst kürzlich lehrte Mao wieder, daß sich die Geschichte nicht in geraden Linien, sondern in Spiralbewegungen entwickle. Wie viele Drehungen braucht es wohl, damit aus den Feinden von morgen wieder Freunde werden? A. K.