Von Ernst Klee

Wenn Carola, 31 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, mit ihrem Kunden handelseinig geworden ist, schaut sie erst in sein Portemonnaie, ob auch die Kohlen stimmen. Und ehe beide im Auto zur Sache kommen, gesteht sie dem Freier, erst einmal pinkeln zu müssen. Schamhaft hockt sie sich hinter den Wagen. Dort zieht sie jedoch ihren Kugelschreiber aus dem BH (wo sie. auch die Präservative aufbewahrt) und notiert sich die Autonummer in die Innenhandfläche. "Im Falle eines Falles, falls etwas passieren sollte." Der Straßenstrich ist ein gefährliches Handwerk. Und Carola beruhigt es, daß die Polizei den Täter schnell ermitteln würde.

Die 31jährige geht in einer rheinischen Garnisonstadt auf den Strich. Als die Jüngste von zehn Geschwistern wuchs sie im Westerwald in einem kleinen Nest auf. Die Mutter ist "fromm evangelisch", das heißt: pietistisch. Als Carola das letztemal im Knast gesessen hat (weil sie im Sperrgebiet arbeitete), schickte die Mutter erbauliche Traktate von Jesus und der Ehebrecherin.

Mit siebzehn hat das Landmädchen heiraten müssen. Vor die Wahl gestellt, in die Fürsorgeerziehung zu gehen oder den Kindsvater zu ehelichen, zog sie die Ehe vor. Dann kam Kind auf Kind. Der Mann, selber hafterfahren, schlug sie, brachte das Geld in Kneipen durch. Doch auch Carola, fast noch im Kindesalter zum Geschlechtsverkehr gekommen, war kein Kind von Traurigkeit und bändelte mit den Burschen im Gasthaus "Zum Ochsen" an. Getrunken haben beide. Die Leute im Ort tuschelten über die geschminkten Lippen und daß sie öffentlich rauche. "Haben schwer geredet über mich, ach. Bin ich aufs Geratewohl mit einer Unterhos’ und einem Kleid nach Koblenz." Dort begann sie als Bedienung zu arbeiten. Bei einem Besuch ihres Mannes im Gefängnis (die Ehe wurde nach elf Jahren geschieden) lernte sie einen Mithäftling kennen. Das Ende der bürgerlichen Karriere begann. Sie wurde angelernt, mit drei "Parisern" versehen und ab ging’s "auf Tour".

"Im Nüchternen könnt’ ich et nich’ machen", beginnt Carola sofort das Gespräch und legitimiert damit ihren Alkoholkonsum, der aus einer täglichen Mindestration von einer großen Flasche Jägermeister besteht. "Wenn ich uf’n Strich gehe, da muß ich betrunken sein. Ja, so ist dat. Der Hurebetrieb." Ihr Selbstwertgefühl, sofern jemals vorhanden gewesen, ist zerstört. Zwar hat sie immer wieder versucht, aus dieser Karriere auszubrechen, hat Freunde ausgehalten, damit diese bei ihr blieben, das Leben mit ihr teilten, doch die sind nur in Gala herumgelaufen und haben sie anschaffen lassen.

Schließlich hat sie kapiert, eine Hur’ zu sein und zubleiben. "Man ist ja so verdorben als Frau", sagt sie über sich selber und beginnt so die Geschichte ihrer letzten Bekanntschaft. Da lernte sie nämlich einen Bäcker von der Bundeswehr kennen. "Der war so geckig auf mich. Netter Kerl war dat." Der Bäcker war verheiratet und hatte zwei Kinder. Als Carola von den beiden Kindern erfuhr: "Ich habe immer zu dem Hans gesagt, geh wieder bei deine Frau. Der wollte nicht. Was die Männer für ein Empfinden han, ich weiß et nit. Da hab’ ich es dann wieder hingekriegt, daß sie zusammen waren."

Für Carola bleibt die perverse Kundschaft. Gut, ein paar Stammgäste, aber ansonsten: "Die Kerle sind überhaupt blöd. Der eine steht auf Prügel, den muß ich verprügeln mit dem Besenstiel, der andere steht auf, auf, ach, ich trau’ mich überhaupt nicht zu sagen, wo die drauf stehen, die Kerle. Dann wollen sie ein bißchen die Brust frei, Gott, kost’ halt ein bißchen mehr."