Andere essen in ihrer Gemeinschaft Kot, oder sie wollen Pinsel trinken: "Sag’ ich, hier im Wohnzimmer könne’ mir dat nich’ mache. Verheiratet war der, hat en Ring angehabt. Hat mir 50 Mark dafür gegeben. Sag’ ich, komm, gehen wir aufm Badezimmer. Hab’ ich vorher en Schluck Bier getrunken, sonst konnt’ ich ja nich’."

Wie soll eine Landpomeranze wie Carola Erfahrungen, wie sie täglich anfallen, verkraften? Bis dahin hat sich nur die Jägermeisterpulle angeboten. Und die Trennung von Privatem und Geschäft: "Sin’ schon Schweine, kriegste en Ekel davor. Wenn der en Küßchen geben will, um Gottes willen, han ich dann gesagt, ich geb’ dir doch kein Küßchen. Geh nach dein’ Frau Küßchen geben. Aber nit mit mir."

Während Carola zum Straßenstrich verurteilt ist (und ab und zu noch schichtspezifische Gewissensbisse hat, daß sie Mercedes-Fahrer den VW-Piloten vorzieht), geht es Anni, 22 Jahre, wirtschaftlich wesentlich besser. Anni arbeitet in einer Landeshauptstadt im Puff. Sie hat meistens ausgesuchte Stammgäste, verdient gut und im Verhältnis leicht. Anni kann – anders als Carola – auch über ihre Kunden Aussagen machen, kann sie klassifizieren und sich darauf einstellen.

Anni erklärt: "Freier sind meistens Männer, die verheiratet sind und ihre Wünsche bei ihren Frauen nicht erfüllt kriegen, oder Männer, die keinen Anschluß haben an Frauen. Die haben Komplexe und meinen dann, wenn sie Geld dafür zahlen, können sie uns sagen, was sie am liebsten haben." Sie sieht es geschäftlich neutral: "Ich hab’ ’nen Gast, der ist glücklich verheiratet, hat Kinder, und der würde das nie von seiner Frau verlangen, daß er geprügelt wird. Aber von uns verlangt er das. Und das kostet zwei- bis dreihundert Mark."

"Ich hab’ sehr viele Stammgäste, die wollen nicht mit mir schlafen, die wollen sich mit mir unterhalten. Ich kann mich auch sehr gut auf die Gäste einstellen. Und obwohl ich manchmal denke, Blödsinn, was sollst du dich mit dem unterhalten, aber das ist mein Geld. Viele Gäste kommen mit der Bestimmung rein, heute gebe ich ’nen Hundertmark aus. Und du hast sie aber so nett bedient, so nett beschwatzt, daß ... die hatten 400 Mark eingesteckt... daß du auch die 400 Mark kriegst."

Die Unterhaltung dreht sich um das Privatleben des Kunden. "So wenn’s zwei, drei Uhr ist, dann kommen sie, und dann, ach, ich hab’ zu Hause mit meiner Frau Krach gehabt, jetzt muß ich mich erst einmal abreagieren. Vielleicht sagen sie dann, ist auch ein Fehler, daß ich hierher gekommen bin, aber ich muß mich jetzt mit irgendeinem Menschen unterhalten oder vielleicht sogar auch mit einem Menschen schlafen." Eine Art

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