Von Gisela Stelly

Frauen. In der Erinnerung oder in der Vorstellung von ihnen ist eine Vielfältigkeit, die so verschwommen macht, sie bei aller anhaltenden Bestimmungswut so verschwommen sein läßt. Das kommt vielleicht daher, daß seit einigen Jahren Bücher über Frauen von Frauen geschrieben werden, die einen Eindruck hinterlassen oder erwecken, als handele es sich hier um einen Fund, um die Neufindung, wenn auch einer alten Sache.

Die alte Sache, das ist das Weib, vom Mann erblickt, erfunden, gelebt. Die neue Sache ist die Frau, empfunden, herausgefordert von der Frau. Beides ist Sache, Programm, Kampf: Unterdrückungs-Befreiung.

Wie gut das Unterdrückungsprogramm funktioniert hat, ist zu lesen in der Geschichte, auch in der Geschichte der Arbeit und der Kriege; ist abzulesen von den Gesichtern der Frauen und Männer, von ihren Körpern. Seit jedoch die nicht eingeschränkte Herrlichkeit des Mannes die totale Zerstörung möglich gemacht hat, seit Beute vor allem Ausbeutung ist und sich die Außenwelt zur Innenwelt verändert hat, gewinnt die Frau.

Innen und außen, drinnen und draußen, das war die Arbeitsteilung, das ist sie nach wie vor, auch wenn die Fabrik und das Büro Frauen aufnehmen, bewohnt werden sie von Männern. Aber das Drinnen wird wichtiger. Die Eroberung draußen ist mehr oder weniger abgeschlossen, es ist alles entdeckt, fast alles verteilt. Kämpfe wie bei dem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Auch zu lehren gibt es nicht mehr. Es bleiben die Wunden. Den Problemen drinnen kann kaum noch ausgewichen werden. Nicht das räuberische, sondern ein pflegerisches Prinzip wird gebraucht, wenn es um innenpolitische Lösungen – wie etwa Schul- und Bildungspolitik – geht.

Es soll einmal eine Zeit gewesen sein, da soll das gegolten haben, was Frauen sind. Nun ist der Streit, ob diese Zeit gewesen ist oder nicht sicherlich ähnlich nachprüfbar wie das, was Frauen "sind", was sie anderes heute sein könnten, auch was sie damals waren. Das Gebären, die Fruchtbarkeit, die Mutter soll geherrscht haben mit einer Kraft, die der Stärke vergleichbar gewesen sein muß, die zu ihrer Perversion, der Jungfrauabbildung, notwendig war. In den 17 Büchern, in denen ich gelesen habe, steht über die Stärke der Frau, gebären zu können, nichts, und wenn überhaupt, dann nur über diese Schwäche.

In dem Buch "Frauen in der Offensive – Lohn für die Hausarbeit: Auch Berufstätigkeit macht nicht frei" verlangen Frauen Geld für die Arbeit, die – bislang unentgeltlich – zum Wesen der Frau hinzugerechnet wurde. Sie sagen, das Geld wird sie frei machen für das, was sie wirklich sein könnten, als Frauen. Hier wird eine Tat vor eine andere gesetzt, ohne daß gesagt wird, wie es zu dieser Vorleistung – nämlich jemandem Geld wegzunehmen, wegzunehmen deshalb, weil er meint, es gehöre ihm – kommen kann. Wenn Frauen heute etwas für sich – wie etwa den Hausfrauenlohn – durchsetzen wollten, dann müssen sie kämpfen, öffentlich, und das heißt sie müssen als Macht, als Gegenmacht auftreten.