Prozesse und Attacken, Enthüllungen oder auch kritische Verrisse des "letzten deutschen Groß-Mystikers" (Arno Schmidt) haben in zwei Generationen nichts oder nur wenig gefruchtet: Karl May marschiert ungeschoren auf weitere Auflagen-Millionen zu. Hans-Jürgen Syberbergs Dreistunden-Filmspektakel, dem verblichenen Sachsen zu Ehren, wird kaum dazu angetan sein, die Ausstoßziffern zu senken. Auf Fortschritt und Entwicklung des menschlichen Bewußtseins erpichte Zeitgenossen, Pädagogen aller permanenten Stufen möchten leicht verzweifeln, wenn sie ihre Ziele verfolgen, nationalistische und orthodoxe christliche Rechthaberei zurückzudrehen, fänden sie nicht gerade in der action-Literatur den einen oder anderen Kampfgefährten, der zeigt, wie es im Wilden Westen tatsächlich zuging.

Einer schreibt schon seit Jahren und hat 1974 gerade seinen 10. Band in der Reihe "Authentic Western" bei Herder, Freiburg, vollendet: "Whiskey für Goldfield", den dramatischen Bericht von einer gescheiterten Überquerung des amerikanischen Kontinents. Die jüngsten vorangegangenen Titel – "Todeskommando", 204 S., und "Heiße Meilen", 206 S., je Band 14,80 Mark – behandeln noch dramatischere Kapital der amerikanischen Eroberungsgeschichte, der eine die legendäre "Wagenkastenschlacht", bei der Hunderte von Indianern im Feuer moderner Winchestergewehre auf der Strecke blieben, der andere den Eisenbahnbau bei widrigsten personellen und landschaftlichen Erschwernissen.

Christopher S. Hagens literarische Qualitäten haben sich in den vergangenen Jahren bewährt: Basierend auf einem soliden Archiv, abgestützt auf historisch verbürgte Ereignisse, die sich der Autor aus vergilbten Zeitungen, Gerichtsprotokollen, alten Tagebüchern und Stadtchroniken zusammenholte, baut er reißerische Handlungen, spannende Entwicklungen und Konflikte auf, die Karl May entschieden in den Schatten stellen. Hagen hat mit diesen und weiteren für etwas ältere Leser geschaffenen Titeln bereits über eine Million Auflage erzielt und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Noch etwas ist am Phänomen Hagen zu verfolgen: Seine literarische Produktivität ist so hitzig, daß er unter seinem richtigen Namen – Stammel – und einem weiteren Pseudonym – Lockhart – bei diversen Verlagen dickleibige Bücher, eine Mischung zwischen Fakten und Fiktionen, füllt. So erschien in diesem Herbst bei der DVA von ihm "Die Stunde des Cowboys"; Verlags Werbung und Lobpreisungstexte könnten genausogut auf dem Klappentext eines früheren Buches stehen: "Das waren noch Männer. Die Cowboys und ihre Welt" bei Econ, das unlängst als dickes Taschenbuch bei rororo für 6,80 Mark erschien; und unter seinem dritten Namen hat er eine Reihe von "Western Reports" für Cotta, für den Bertelsmann Lexikon Verlag "Der Cowboy von A–Z" geschrieben.

Was noch hebt Hagen/Stammel/Lockhart über den Kara ben Nemsi hinaus? Neben der Faktenbesessenheit ist es eine realistischere und kritischere Hintergrundserhellung der amerikanischen Szenerie. Gezeigt wird, wie hemmungsloser Machtrausch, Land- und Geldhunger die Weißen in zahlreichen Fällen zum Vertrags- und Wortbruch gegenüber dem "Roten Mann" verleiteten. Die detailfreudigen Massaker an Indianern beweisen ohne jedes vordergründige Pathos, daß sich die Nation der freiesten Demokraten schon im 19. Jahrhundert in ihren extremsten Mitgliedern auf die Massaker von My Lai und unbekannt gebliebenen Dschungelnestern vorbereitete.

Was für den deutschen Nutzer dieser Bücher als Zusatzeffekt herauskommt: Niemand sollte mehr ungestraft seine Ahnungslosigkeit vor dem Wahrheitsgehalt schnulziger und verlogener "Western"-Filme- oder seine Bewußtlosigkeit vor der hirnerweichenden Mammutserie "Bonanza" gestehen dürfen: Hagen/Stammel hat inzwischen einige tausend Seiten gefüllt, die aufklärerisch und korrigierend, informierend und engagiert zugleich sind, um zu erfahren, wie und mit welchen Methoden die USA zu dem wurden, was sie heute sind. Der Sammler, Schreiber und Scharfschützenspezialist im Schwarzwald bereitet jedem, der es wissen will, den Weg, kritischer an deutsche Indianerschwächen heranzugehen, den Wilden Westen etwas nüchterner als bisher zu sehen.

Horst Künnemann