Spektakuläre Auftritte liegen Helmut Rohde nicht. Ihn erstmals ins Rampenlicht zu zerren, seit er Helmut Schmidts Bildungsminister ist, blieb Wirtschaftsminister Hans Friderichs überlassen. Dessen kühler Brief an den Kabinettskollegen Rohde, in dem er die Richtung der Berufsbildungsreform kritisiert und ihre Finanzierung in Zweifel zieht, machte den Bildungsminister nicht nur zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, sondern auch des öffentlichen Mitleids: Helmut Rohde gewann Kontur als letzter Mohikaner der sozial-liberalen Reformpolitik.

Von seinen Parteifreunden werden die Bildungspolitiker in der Regel als jammervoller Haufen angesehen. Daß er jetzt selber dazugehört, scheint Helmut Rohde immer noch, zu irritieren. Der 49jährige ist ein gestandener Sozialdemokrat, einer von der aussterbenden Sorte: von der Pike auf gedient, loyal und jederzeit bereit, hinter der Sache zu verschwinden. Er stammt aus Hannover und trat 1945 in die Partei ein. Im Zivilberuf war er einige Jahre lang Nachrichtenredakteur bei dpa, ehe er sich auf der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven sein geistiges Rüstzeug holte. Daß er seitdem Rüdiger Altmann kennt, zu jener Zeit Assistent von Professor Wolfgang Abendroth und heute Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), bringt einen seltsamen Farbtupfer ins Bild: In der Debatte um die Reform der Berufsausbildung, in der auf Seiten der Wirtschaft vor allem der DIHT die Fetzen fliegen läßt, nutzt einer des anderen Schwäche aus und ist einer des anderen Klassenkämpfer.

Im noch ungewöhnlich jungen Alter von 32 Jahren ist Helmut Rohde 1957 in den Bundestag eingerückt, zur gleichen Zeit wie Holger Börner, Hans Jürgen Wischnewski und der gute Mensch von Kirn, Helmut Dröscher. Sie alle waren mehr oder weniger von dem Wunsch beseelt, "die Sümpfe der sozial Schwächeren trockenzulegen" und Sozialpolitik zu machen, "nicht als Sanitätskolonne, die der Truppe mit Pflastern hinterherrennt, sondern im Sinne eines Strukturwandels" (Rohde). Zwar blieb Ernst Schellenberg der "Sopo"-Papst in der SPD-Fraktion, aber auch Helmut Rohde kam an den Drücker. 1969 holte sich Walter Arendt den tüchtigen Fachmann als Parlamentarischen Staatssekretär in das Ministerium für Arbeit und Sozialordnung. Erst in diesem Haus, von dem gern gesagt wird, es gehöre zur Hälfte dem Einflußbereich des DGB, wurde Rohde zum "Mann der Gewerkschaften", als der er heute apostrophiert wird. Nicht zufällig wurde er auch Vorsitzender der von den Jusos so mißtrauisch beäugten Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) in der SPD.

"Er schlurft dahin", notierte der Bonner Hofchronist Walter Henkels einmal über Helmut Rohde, "wie einer, der aus dem Stall kommt, wo er gerade der Kuh Frieda zu einem Kalb verholfen hat." In einem Ministerium, in dem es vier Meinungen gibt, wenn drei Leute beieinander sitzen; in dem die Weltanschauungen wie Kraut und Rüben durcheinanderstehen und von einem Minister verlangt wird, daß er auf den Tretminen im Kompetenzdschungel zwischen Bund und Ländern Spitze tanzt, wirkt Helmut Rohde wie ein Fremdkörper.

Zu den Universitäten und ihren Problemen hat er kaum Zugang. Seine Beamten, die seit fünf Jahren an dem Dauerbrenner "Hochschulrahmengesetz" hantieren, schockiert er mit der Frage: "Wozu brauchen wir das eigentlich?" Dem Bildungsgesamtplan und seinen Zahlen steht er mißtrauisch gegenüber: "Was haben die Jungs sich eigentlich gedacht?" Mit den Kultusministern der Länder, die auf seinem Gebiet das meiste zu sägen haben, hat er es schon halb verdorben. Warum in der Bildungspolitik nur geredet und nicht entschieden wird, versteht er nur schwer. Er selber lebt von einem Baukastensystem der Information: Probleme werden von ihm in fertige Formulierungen umgesetzt, die jederzeit abrufbar sind. Auch dies wirkt auf Leute irritierend, die bislang die intellektuellen Ansprüche von Klaus von Dohnanyi gewöhnt waren, nicht aber einen Mann, der unverdrossen einen Konsens herzustellen versucht, um seine Bildungsprobleme bis zu den Bundestagswahlen abhaken zu können.

Rohdes Vorgänger an der Spitze des Bildungsministeriums, Hans Leussink und Klaus von Dohnanyi, sahen das Ziel der Bildungsreform darin, die Arbeiter durch Abitur und Studium auf das höhere, das "bürgerliche" Niveau zu heben. Rohde hält von hochgestochenen Emanzipationsidreen nichts, er hat den sozialen Blick. "Schluß damit, daß 75 Prozent der jungen Menschen als Restposten der Bildungspolitik angesehen werden. Ich halte es für eine absurde Vorstellung, daß sich die Bundesrepublik in den achtziger Jahren als eine Koalition von Akademikern und ungelernten Arbeitern noch halten kann. Womit soll die Industriegesellschaft Bundesrepublik denn mal ihr Geld verdienen?" Nicht nur akademisch, sondern von Herzen regt ihn der Gedanke an jene jungen Leute auf, die weder einen Studienplatz noch einen Ausbildungsplatz finden: "Wer davon betroffen ist, wird das schlichtweg als Katastrophe seines Lebens ansehen."

Um die Lehrlingsausbildung anzukurbeln, gab Helmut Schmidt der Reform der beruflichen Bildung in seiner Regierungserklärung Priorität. Der erste Versuch scheiterte; Machtfragen nicht gewohnt, hatte Klaus von Dohnanyi die Wirtschaft frontal angegangen und war abgeschmettert worden: Seine Vorstellung von "mißtrauischer Kontrolle" des Staates über die Betriebe, Schlagworte wie "Ausbildung gleich Ausbeutung" und "Brecht die Macht der Wirtschaft" hatten auch den letzten schlafenden Hund hinterm Ofen vorgeholt.