Der Fall des DGB-Funktionärs Walter Böhm – Mit den Guillaumes befreundet

Von Eduard Neumaier

Bonn, im November

Noch am Dienstag hatte Bonn seinen neuen Skandal vom Format der Affäre Günter Guillaume. Das Agentenstück um einen hohen Funktionär des Deutschen Gewerkschaftsbundes erregte die Bundeshauptstadt. Walter Böhm, der Leiter des DGB-Verbindungsbüros in Bonn, war samt Ehefrau vorläufig verhaftet worden. Aber am Mittwoch hatte der Fall sich sensationell gewendet. Das Ehepaar wurde freigelassen, anscheinend weil es keine ausreichenden Haftgründe gab. Statt eines Spions haben nahezu alle Beteiligten eine Blamage eingefangen. An ihr haben der Deutsche Gewerkschaftsbund als Amateur-Agentenjäger, der Bundesverfassungsschutz als professioneller Handlanger und die Karlsruher Bundesanwaltschaft als offenbar leichtgläubiges Exekutivorgan den wichtigsten Anteil. Was sie bis zum Montag abend, als Böhm festgenommen wurde, zu einem scheinbar massiven Indiziengebäude zusammengetragen und aufgeschichtet hatten – war es nur ein dünnes Kartenhaus, das mit einem kräftigen juristischen Schubs eingestoßen werden konnte?

Die Erinnerung an den Fall Guillaume kam auf, in dem die Bundesanwaltschaft ebenfalls kräftig zu- und, wie sich zeigte, auch danebengelangt hatte. Außer dem Ehepaar Guillaume war das in der Hessischen Landesvertretung in Bonn beschäftigte Ehepaar Förster unter dringendem Spionageverdacht zunächst festgenommen und wegen unzulänglicher Haftgründe wieder freigelassen worden.

Allerdings nahm sich das, was den Fall Böhm auszumachen schien und ihm den Rang des Guillaume-Skandals zuzuerkennen erlaubte, eindrucksvoll aus. Das Schlußkapitel der Thriller-Groteske begann am Montag mittag im Düsseldorfer DGB-Haus. Dort fehlte in der routinemäßigen Sitzung des geschäftsführenden Bundesvorstandes der 9. Mann, Walter Böhm. Nur Heinz-Oskar Vetter, der DGB-Vorsitzende, wußte, warum die Anwesenheit des Dauergastes Böhm an diesem Tage überflüssig, ja unerwünscht war.

Unter dem Tagesordnungspunkt Verschiedenes bat der DGB-Chef am späten Nachmittag darum, den Leiter des Bonner DGB-Verbindungsbüros fristlos zu entlassen. Mittlerweile eingeweiht in den Kündigungsgrund – dringender Verdacht nachrichtendienstlicher Tätigkeit für kommunistische Dienste –, formulierten die Vorstandsmitglieder: "Nachhaltige Überschreitungen dienstlicher Kompetenzen und der Verlust des für eine weitere Zusammenarbeit notwendigen Vertrauens erfordern die sofortige Beendigung des Arbeitsverhältnisses."