Mit dem Dokument in der Tasche und begleitet vom DGB-Justitiar Otto fuhr Vetter nach Bonn, wo er den in der Nähe des Rheins, in der 5. Etage der Bank für Gemeinwirtschaft, residierenden Böhm von der Entlassung informierte. Unmittelbar danach betraten Beamte der Sicherungsgruppe Bonn die Szene und führten Böhm ab. Er bestritt, DDR-Agent zu sein. Im Bonner Vorort Buschhoven rollte zur selben Zeit ein Kommando vor den 150 000-Mark-Bungalow in der Katharinenstraße 8 und nahm die attraktive, kaum 40 Jahre alte Frau des 56jährigen, Irmgard Böhm, fest.

Der DGB und Bonn, so schien es, hatten ihren neuen Spionageskandal, kaum daß die Guillaume-Affäre halbwegs verwunden ist. Der Verdacht lag nahe, daß Böhm jenes langgesuchte Glied im ominösen "Agentenring" war, dessen Existenz nach Guillaumes Verhaftung behauptet, aber nicht bewiesen worden war und dem sich fast mühelos noch eine andere Spionageaffäre im DGB zuordnen ließe: der Fall Wilhelm Gronau.

"So eine Schweinerei..."

Freunde und Bekannte Böhms in der Bundeshauptstadt und in Düsseldorf faßten sich an den Kopf: Es sei nicht zu fassen, man könne eben niemandem trauen. Der untersetzte, mittelgroße, schnauzbärtige Böhm galt als Muster eines Saubermannes. Bienenfleißig, ein wenig nach innen gekehrt, war er wegen seiner gleichbleibenden Freundlichkeit beliebt. Dem Lobbyisten des größten gesellschaftlichen Verbandes standen Tür und Tor offen. Freunde schildern ihn als kumpelhaft und hilfsbereit, durchschnittlich intelligent. Er trank und rauchte kaum, lebte bescheiden von seinem 3500-Mark-Gehalt, fuhr einen Mittelklassewagen und hatte außer der Politik keine Interessen.

Daß er durch einen unverhältnismäßigen Aufwand aufgefallen sein sollte – diese Mitteilung Vetters können Böhms Freunde nicht so recht glauben. Sie belächelten seine Schwärmereien über die fünf Wehrübungen "für zivile Dienstkräfte", die er seit 1966 beim Bundeswehrbataillon für psychologische Verteidigung und einmal in einer Übung für zivile Führungskräfte aus Wirtschaft, Presse und Gewerkschaften in Munsterlager absolvierte, zuletzt im Rang eines Hauptmanns der Reserve. Pikanterweise war Böhm von seinem engen Bekannten Helmut Bärwald zum PSV-Bataillon geführt worden – von jenem Bärwald, der wegen seiner Mitarbeit zum Bundesnachrichtendienst die SPD-Baracke und die Partei verlassen mußte. Walter Böhm gab sich als stramm-rechter Sozialdemokrat. Dazu paßten seine regelmäßigen Beiträge in der Welt der Arbeit, dem DGB-Organ, in denen er sich sachkundig und kritisch über die DDR ausließ, auch im Deutschlandfunk, dessen Sendungen in die DDR hineinstrahlen.

In den fünfziger Jahren hatte Walter Böhm bis zu seiner angeblichen Flucht aus der DDR 1958 für das Ostbüro der SPD gearbeitet. In dessen publizistischer Abteilung arbeitete er im Westen bis 1965 frei mit (unter anderem für den Ost-Spiegel); hauptamtlich war er Geschäftsführer der "Gesellschaft für Sozialen Fortschritt" und Chefredakteur des Heftes "Sozialer Fortschritt Angeblich wegen der Unbedenklichkeitsbescheinigung des Ostbüros stellte der DGB Böhm am 1. April 1963 als Stellvertretenden Pressesprecher ein. Am 1. September 1965 wurde er Mitarbeiter der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung, die ihn nach Indonesien entsandte; dort sollte er beim Aufbau der Gewerkschaften helfen. Am 31. Januar 1971 kehrte er heim. Der Zufall wollte es, daß der Posten des DGB-Büroleiters in Bonn frei wurde. Böhm bekam ihn; er war ein Mann mit fast unbegrenztem Vertrauenskredit.

Böhms Vorleben in der DDR ist nur aus vagen Selbstzeugnissen bekannt. 1947 will er in Bautzen eingesessen haben; auch Guillaume hatte sich politischer Verfolgung gerühmt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus, so Böhm, habe er in einer Textilfabrik gearbeitet. Aber es scheint auch Hinweise zu geben, daß er sich in Ostberlin journalistisch betätigte.