Beim DGB war sein Auftrag, Verbindung zum Parlament, zum Bundesrat, zur Bundesregierung, zu den Ministerien und zu den Parteien zu halten. Sein Rang im DGB sorgte für Zugang auch zu Sitzungen des DGB-Vorstandes, angeblich auch zu solchen der Sozialdemokratischen Partei. Jedenfalls kannte Böhm Bonner Interna, vertrauliche Beratungsresultate des engeren DGB-Vorstandes und auch die DGB-Marschroute gegenüber dem "Freien Deutschen Gewerkschafts-Bund" (FDGB) der DDR. Zudem kannte Walter Böhm Günter Guillaume. Guillaume kannte Böhm dem Vernehmen nach auch privat sehr gut – und die inhaftierte Christel Guillaume war mit Irmgard Böhm angeblich befreundet. So kann durchaus ehrlich gemeint gewesen sein, was Böhm seinen Bonner Freunden nach der Entlarvung Guillaumes entsetzt, enttäuscht und erschüttert sagte: "So eine Schweinerei, daß so etwas möglich ist! Man kann ja niemand mehr trauen!"

Die Verhaftung Guillaumes war, so schien es noch am Dienstag, anscheinend auch der Anfang vom Ende Böhms, und durch Böhms Enttarnung hätte sich im Rückblick manche Eigenheit in der Behandlung des Falles Guillaume erklären lassen. Der damalige Innenminister Genscher begründete seinerzeit vor dem Bundestag die so oft angegriffene Weiterbeschäftigung Guillaumes im Brandt-Büro vom Juni 1973 bis zur Verhaftung am 24. April 1974 mit der Hoffnung, auf diese Weise auf Hintermänner zu stoßen. Von einem Agentenring war die Rede. Plötzlich klang diese Vermutung nicht mehr so abwegig.

Der dritte Mann?

Es war freilich nicht der Verfassungsschutz, der auf Böhm aufmerksam wurde, sondern der DGB, der, alarmiert durch den Fall Guillaume, die zuvor nur schamhaft betriebenen Sicherheitsüberprüfungen im eigenen Haus verstärkte. Dem lag die Vermutung zugrunde, daß Guillaume möglicherweise auch ins DGB-Hauptquartier Verbindungen habe. Plötzlich wagte man sogar zu denken, was bis dahin als undenkbar gegolten hatte: es könnte womöglich außer dem im September 1972 in Berlin festgenommenen DGB-Funktionär Wilhelm Gronau nicht nur der durch die Notizbucheintragung "G. G." belastete Guillaume, sondern noch ein Dritter mit im Agentenspiele sein.

Dann zeigte sich, daß Gronau mit Böhm befreundet war und Böhm mit Guillaume, und glaubten die DGB-Herren zu wissen, weshalb die FDGB-Funktionäre stets so genau über die intern besprochene Marschroute des DGB informiert waren. Wenn es denn keines der ordentlichen Vorstandsmitglieder war – konnte, mußte dann nicht Böhm der Mittelsmann sein? Im Juni dieses Jahres wurde der Verfassungsschutz informiert. Der observierte und forschte nach und wurde "fündig": Böhm war seit dem letzten Jahr häufiger in die DDR und auch in die Tschechoslowakei gereist.