Mit der Entlassung des Oberleutnants von My Lai, William Calley, aus der Strafhaft hat die amerikanische Justiz einen Akt der Travestie vollendet. Wie durch den Freispruch für jene Angehörige der Nationalgarde, die bei einer Friedenskundgebung vier Studenten an der Universität von Ohio in Kent erschossen und neun andere verletzten, muß durch die Entscheidung in Sachen Calley das Vertrauen in die amerikanische Justiz für lange Zeit schwer erschüttert werden. Zwar ist durchaus möglich, daß der Fall Calley in einem Berufungsverfahren noch bis vor das Oberste Bundesgericht gelangt. Jedoch ist so gut wie ausgeschlossen, daß dieser Offizier, der nach dem Urteil des Militärgerichtes mit Sicherheit 22, wahrscheinlich aber sogar über 100 unschuldige südvietnamesische Frauen, Kinder und alte Männer erschoß, auch nur noch einen einzigen Tag im Gefängnis verbringen wird.

Calleys Entlassung geht auf die schon im Februar ausgesprochene Aufhebung seines Urteils durch einen zivilen Bundesbezirksrichter zurück, der befand, die bürgerlichen Rechte des Angeklagten seien durch die große vorprozessuale Publizität um das Massaker von My Lai beeinträchtigt worden; nach dieser richterlichen Weisheit müßte künftig jeder Massenmörder freigesprochen werden, da Verbrechen dieser Art stets eine dem Beschuldigten abträgliche Publizität bewirken und jedes Geschworenengericht der Welt befangen machen.

So hat nun Calley, ursprünglich von einem Militärgericht zu lebenslangem Gefängnis verurteilt, ganze drei Jahre und fünf Monate in Haft zugebracht, die ersten drei Jahre überdies in Hausarrest in seiner behaglichen Offizierswohnung von Fort Benning. Immerhin kam er damit noch schlechter weg als die anderen 19 in das Gemetzel von My Lai verwickelten Soldaten und Offiziere; ihre Verfahren wurden samt und sonders niedergeschlagen oder endeten mit obskuren Freisprüchen. Calley war der einzige, der wenigstens mit einem formalen Urteil zu "büßen" hatte.

Der Vorgang zeigt, daß über Kriegsverbrechen unter nationaler Rechtsprechung noch stets der Mantel pariotischer Vergebung gedeckt wird. Es könnte freilich noch etwas Licht in die Angelegenheit gebracht werden, wenn sich das Pentagon nun endlich aufraffte, den schon 1970 erstellten amtlichen Untersuchungsbericht des Generalleutnants Peers über die Vorgänge um My Lai zu veröffentlichen. In diesem unbestechlichen Dokument sind die Verantwortlichkeiten für das Blutbad vom März 1968 nachgezeichnet; ihre öffentliche Kenntnis könnte bewirken, daß mit der falschen Solidarität für Mörder in Uniform aufgeräumt und das Bewußtsein für eine völkerrechtliche Mindestregeln achtende Kriegführung geschärft werden. Joachim Schwelin