Von Hans Otto Fehr

Freiburg

Fünf Flaschen badischen Weins aus dem Raum Saabach-Kaiserstuhl offerierte der Freiburger Regierungspräsident Person dem Straßburger Präfekten Sicurani. Person bemerkte dazu, diese edlen Tropfen trügen das Gütezeichen "garantiert bleifrei". Und der Regierungspräsident hoffte zugleich, auch in Zukunft ein solches bleifreies Präsent überreichen zu können.

Im prächtigen Amtssitz des Präfekten wurde geschmunzelt. Den badischen Winzern freilich ist inzwischen das Schmunzeln vergangen. Auch im Regierungspräsidium Freiburg macht man ernste Gesichter. Hinter Aktenstößen und Bauplänen klagt "Grenzlandreferent" Hans Schneider: "Seit sechs Wochen mache ich nichts anderes als Marckolsheim."

Im elsässischen Marckolsheim wollen die Chemischen Werke München eine Bleiverarbeitungsfabrik errichten. Die Baugenehmigungen hierzu haben sie schon in der Tasche. Die Fabrik, soviel steht heute fest, wird künftig eine Bedrohung der benachbarten badischen Kultur- und Landwirtschaft, besonders aber der Kaiserstühler Rebenlagen sein. Badische Winzer und nicht weniger als 21 Bürgerinitiativen von rechts und links des Rheins halten deshalb das Baugelände der Chemischen Werke München seit nunmehr sieben Wochen Tag und Nacht in Kälte und Schnee besetzt. Eine Verbrüderung über die Grenze findet hier statt, für die der Straßburger Präfekt nur einen Kommentar übrig hat: "Es handelt sich um eine illegale Aktion."

Als badische Umweltschützer zusammen den Rhein überqueren wollten, um demonstrativ ihre Solidarität mit ihren elsässischen Gesinnungsgenossen zu demonstrieren, machten die französischen Zöllner einfach die Grenze zu: ein einmaliger Vorgang im sogenannten vereinigten Europa. Jetzt fahren die deutschen Umweltschützer einzeln über die Grenze: Die Zusammenarbeit funktioniert bestens. Ein ausgeklügelter Alarmplan im Falle des gewaltsamen Eingreifens staatlicher Stellen würde in kurzer Zeit mehr als 4000 Leute mobilisieren: "Wie bei einer Katastrophe werden die Kirchenglocken läuten." Seit letzter Woche gehen die Besatzer dazu über, sich auf dem Gelände feste Unterkünfte zu bauen. Sie richten sich auf einen langen Winter ein: "Wir haben uns nicht vorgenommen, an Weihnachten aufzuhören."

Ihr Ausharren und ihre Argumente haben nicht nur den Bürgermeister von Marckolsheim und den Gemeinderat zum Rücktritt veranlaßt (bei den Neuwahlen setzten sich die Kandidaten der Umweltschützer auf der ganzen Linie durch), sie haben vor allem auf deutscher Seite Politiker, Behörden und Verbände alarmiert. Während die erste Anfrage im Landtag von Baden-Württemberg noch recht ausweichend beantwortet wurde, fordert der Badische Weinbauverband zur gleichen Zeit kategorisch: "Die Baugenehmigung der Chemischen Werke muß zurückgenommen werden."