Robert, oder wie er genannt wurde, "Boby" Bazlen starb 1965. Nach Jahren geheimen Ruhms ist er seit einem Jahr als italienischer Buchautor vorhanden. Der Triestiner Literat, der nur deutsch geschrieben hat und dessen Name dennoch in keiner italienischen Literaturgeschichte fehlen sollte, ist durch Jahrzehnte ein Anreger, ein Entdecker gewesen. Der 1962 gegründete Verlag Adelphi in Mailand geht auf seine Anregung zurück – so bestätigte es mir Verlagsleiter Luciano Foà – und wahrt die Tradition einer besonderen Aufmerksamkeit gegenüber den schwierigen, vor allem auch den schwer übersetzbaren Schriftstellern des deutschen Sprachbereichs.

"Diario" (Tagebuch) – so heißt der jüngste Gedichtband des achtundsiebzigjährigen Eugenio Montale, ein Band, der wie zuvor Montales "Saturn" ein Bestseller wurde, was auch in Italien bei Lyrik sehr selten vorkommt. In "Diario" ist dem verstorbenen Freund Boby ein Gedicht gewidmet. "Du hast auf Deine Weise gesiegt", heißt es dort, "mit diesem Brief, den Du nicht lesen wirst, sag ich Addio und nicht Auf Wiedersehen in einer Sprache, die du nicht geliebt hast, weil es ihr an Stimmung fehle."

Bazlen war es, der Eugenio Montale auf seinen Triestiner Kompatrioten aufmerksam gemacht hatte, auf Ettore Schmitz, dessen Romane unter dem Pseudonym Italo Svevo erschienen waren und überhaupt keine Beachtung gefunden hatten, Montale widmete dem Industriellen, in dem er den originellsten Prosa-Autor Italiens erkannte, bald darauf zwei Essays, die nicht nur chronologisch, sondern auch wegen ihrer Substanz an der Spitze aller Svevo-Deutungen bleiben. Montale, der in Mailand lebt, erzählte mir, er habe Svevo und seine Gattin nach Bazlens Beschreibung, als er sie vor der Scala stehen sah, erkannt und angesprochen.

Zu den drei Büchern des "Nichtautors Bazlen", die Adelphi jetzt veröffentlicht hat, gehören neben einem Romanfragment "Der Kapitän auf langer Fahrt", Briefe – meist an Luciano Foa – und Lektorengutachten, die zum erstenmal dokumentieren, was in Italien die Eingeweihten stets gewußt hatten: daß Bazlen an Überblick und Urteilskraft hier eine ähnliche Rolle gespielt hat wie Bernhard Groeythusen in Paris, Jahrzehntelang die "graue Eminenz" des Verlegers Gallimard, der übrigens früher deutsch als französisch geschrieben hat.

Mehr als in seinen nunmehr pietätvoll gesammelten Schriften aber lebt Bazlen durch den Kreis von Adelphi, der – nicht ausschließlich, aber in überraschendem Maß – der deutschsprachigen Literatur jenen Rang einräumt, den Montales Gedicht freundschaftlich-ironisch das Vorurteil des Freundes genannt hat. Drei Jahre lang konnte Bazlen jener Mittelpunkt sein, als den ihn jetzt Foà schildert. Was aber Adelphi seither verlegt – man darf auch sagen: gewagt – hat, ist dem Geschmack und dem Anspruch des Initiators treu geblieben. Es ging bei der Gründung darum, den herrschenden Moden und Ideologien nicht etwa zu "trotzen", sondern ihnen gegenüber völlig gleichgültig zu bleiben und an anderes zu denken. So hat Adelphi die international angesehenste, vollständigste Nietzsche-Ausgabe verlegt, die von Giorgio Colli und Mazzino Montini betreut wird. Dabei galt damals in Italien gerade Nietzsche, den der Duce verehrt hat, als ein geistiger Urheber des Faschismus. Es war vor zwölf Jahren auch nicht so wie heute: Mystische Texte und psychoanalytische Schriften waren noch nicht in besonderem Maß gefragt. Adelphi spezialisierte sich darauf, veröffentlichte unter anderem das "Tibetanische Totenbuch", die Schriften von René Daumal, von Antonin Artaud – zwei Mystikern unserer Zeit – und die Werke von Groddeck, dem genialen "Naiven" der Psychoanalyse. Eine neuere Veröffentlichung sind die "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" von dem Gerichtspräsidenten Daniel Paul Schreber, die Sigmund Freud entscheidend beeindruckt hatten. In "Masse und Macht", von Elias Canetti spielen diese Memoiren eine wichtige Rolle, und es nimmt nicht wunder, daß Canetti jetzt Adelphi-Autor ist.

Hier ist Roberto Calasso zu nennen, der die Geschichte der Wirkung von Schrebers Memoiren im genannten Band ausführlich darstellt und seither bei Adelphi einen Roman über Schreber veröffentlicht hat, "L’impuro folle" (Der unreine Irre), welcher Schrebers seltsame Visionen noch weiter ausspinnt und dem berühmtesten Nervenkranken eine Art Unsterblichkeit zuschreibt, denn wir erfahren, wie Schreber neuerdings in Amerika einen Verein "schizophrenics anonymous" gegründet habe. Calasso, als Schüler von Mario Praz ursprünglich Anglist, hat sich seither als Germanist bewährt – ein Gebiet, auf dem Italien heute mit großen Namen und Leistungen aufwartet. Auf ihn ist die Übersetzung von Robert Walsers "Jakob von Gunten" zurückzuführen, die Calasso kundig eingeführt hat. Calasso selber hat einen Band Aphorismen von Karl Kraus übersetzt.

Das neueste Wagnis des Verlags ist aber erstaunlicher: sechs Schauspiele Nestroys, des zwischen Mundart und Hochdeutsch Jonglierenden, grundsätzlich "Unübersetzbaren" – mit dem Erfolg, daß schon ein Theater die Aufführung von "Freiheit in Krähwinkel" angesetzt hat, welches Städtchen italienisch zu "Roccacannuccia" wurde.