Von Rainer Frenkel

VW-General Rudolf Leiding hat in den vergangenen Monaten manche, auch unnötige, Gefechte verloren. Dennoch könnte er nun den Krieg gewinnen. Denn es hat sich ihm ein Alliierter zugeschlagen, der gerade das mitbringt, was Leiding fehlt: diplomatisch-taktisches Geschick, Härte – die der VW-Boß eben nie bewies – und nicht zuletzt auch Fortune.

Im Klartext Hans Birnbaum, zur Zeit höchst erfolgreicher Chef der bundeseigenen Salzgitter AG, ist vom einfachen Mitglied zum Chef des VW-Aufsichtsrates avanciert. Der farblose Josef Rust nahm den Weg in der Gegenrichtung. Er hatte sich eine ganze Generation lang – 24 Jahre – im Wolfsburger Aufsichtsrat aufgehalten, acht Jahre lang als Chef. Seine Gegner ließen sich nicht mehr abschütteln, als er vor wenigen Wochen unfreiwillig in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses geriet: Die ebenfalls von ihm beaufsichtigte Stumm-Gruppe mußte den Vergleich beantragen.

Man könnte diesen Wechsel übergehen, für ein Routinestück ansehen. Denn er vollzog sich keineswegs völlig überraschend, nur ein Jahr früher als geplant. Doch diese Wachablösung ist nichts weniger als Routine, eher das Ende einer Epoche, das im VW-Vorstand längst gekommen war.

Es war die Epoche, die noch den Glanz der alten Erfolge widerspiegelte, die es scheinbar erlaubte, die Hände in den Schoß zu legen. Nun erst, da die Autoindustrie aus verschiedensten Gründen in der Krise steckt, sieht man in Wolfsburg, daß auch bei VW selbst viel im argen liegt.

Mit dieser Erkenntnis, auch mit dem Aufspüren der Ursachen, die die Unordnung im VW-Vorstand erleichterten, entstand jenes Tohuwabohu, das der Öffentlichkeit seit einigen Monaten vorgeführt wird. Daraus ging Leiding zwar unbescholten, aber nicht ohne Blessuren hervor. Weil Fraktionsbildungen im Aufsichtsrat auch den Vorstand nicht zur Einmütigkeit zwangen, kam es dort zu scharfen Auseinandersetzungen:

Finanzchef Friedrich Thomée verriet zuerst zuviel über den VW-Plan, in den Vereinigten Staaten ein Werk zu bauen. Später, aber, als er dem Aufsichtsrat eine genaue Studie über das Projekt vorlegen sollte, schoß er quer. Er hatte sich auf die Seite des Großaktionärs Niedersachsen geschlagen, der natürlich Sorgen um die regionalen Arbeitsplätze hat. Wie, so fragte also Thomée, solle das VW-Werk, das in diesem Jahr mehrere hundert Millionen Mark Verlust einfahren wird, die benötigten drei Milliarden Mark beschaffen. Monate zuvor allerdings, als die schlechte Ausgangslage schon ebenso klar zu erkennen war, hatte er darin ganz ausdrücklich kein Problem gesehen.