Die ersten Depeschen der alliierten Modemacher aus dem Süden Europas wurden noch nicht recht ernst genommen: Im Sommer tippte sich das Heer der Jeansmädchen nur an den Lockenkopf und kümmerte sich ein paar feuchte Fransen um das Gerede vom langen Rock. Bis dann im September der Generalangriff folgte – und die Verteidiger nur noch halbherzig verteidigten und eher kopflos die Stellung räumten.

Die Kapitulation war total. Anhängerinnen der "Jeans plus T-Shirt"-Formel wie auch der gemäßigten Damenhaftigkeit, jung und alt, schwenkten voll ein auf. die Linie von Stoffülle und Zwiebelprinzip. Vergessen das Hosencredo, vergessen, nun endgültig, Twiggy und die Spindeldürre. Eine Verkäuferin preist die neue Rundlichkeit: "Zwei Pfund mehr oder weniger fallen unter den angekrausten Röcken doch gar nicht auf." Wohl der nun, die in den fünfziger Jahren zur Sparsamkeit neigte: Mit den alten Sachen ist sie auf dem neuesten Stand.

Revolutionen werden lange vorbereitet, und diese wurde es wahrhaftig: Jahrelang nichts als kurze Röcke oder lange Hosen, Alternativen gab es nicht. Mary Quant schnitt die Röcke ab, um die Frauen zu befreien, aber viele mißverstanden die Beinfreiheit als neuen Zwang und machten eine schöne Mode häßlich. Die Jeans brachten umgekehrt die Freiheit von Bein und Eleganz: Verwaschener Chic, in St. Tropez geboren, feierte universelle Erfolge. Die vornehme Dame aus Boston und der Lehrling aus Wanne-Eickel zwängten sich mit gleicher Begeisterung in die ausgefransten Blauen – beklatscht von Mode-Ideologen, die den sozialen Schein, die gleichmachende Kraft der Jeans priesen, und beklagt von einer Industrie, die mit Hiobsbotschaften über Firmenpleiten aufwartete: Die Leute kauften nichts als alte Hosen.

Aber auch abgetragene Jeans lassen sich nicht ewig ertragen, und so kostete es die Couturiers keinen besonderen Kraftakt, uns aus der Modelethargie aufzurütteln. Die neuen Röcke hängen lang und weit, und je länger und weiter sie sind, desto lieber werden sie gekauft: "Endlich einmal etwas anderes als immer nur Hosen", "unheimlich schön und bequem, auch warm", lauten die Kommentare der Käuferinnen.

Es ist eine lässige Eleganz, die ihnen das "Umsteigen" leichtgemacht hat: Sie hüllen sich in weite Capes und vergraben die Hände in tiefen Rocktaschen, und zu Flatterstoffen tragen sie hohe Stiefel mit der Grazie eines Cowboys, der durch den Saloon poltert.

Der Siegeszug dieser Mode ist um so logischer, als sie sämtlicher wirtschaftlicher Logik zuwiderläuft: Sie ist total unvernünftig, weil sie rasend teuer ist. Aber Mode ist per definitionem nicht vernünftig und zur Enthaltsamkeit schon gar nicht prädestiniert.

Kaum daß in Paris und Rom die Mannequins wadenlang und dick verhüllt über den Laufsteg schlenderten, schimpfte der Pariser Express: "Wer kann sich in diesem Winter schon einen Mantel leisten, in den fünf Meter Stoff verarbeitet wurden – in einer Zeit, wo das Portemonnaie zum Punchingball wird, der die Stöße des Handels aushalten muß?" Das eben ist die Überraschung: Das Geld ist da. Man protestiert, aber zahlt, und sei es auf Kredit.