Von Werner Ross

Trug er lange Haare?" fragt das Mädchen in dem Roman "Fortunat" von Otto Flake die Hauptfigur, Jacques Kestenholz. Der erkundigt sich: "Entspräche es deinem Geschmack?" Das Mädchen darauf: "Gar nicht. Ein Schriftsteller, der mir gefallen soll, muß wie ein Mann von Welt aussehen." Der Gemeinte ist der Schriftsteller Prosper Mérimée, aber der Autor meint, wie in vielen anderen Fällen und an vielen anderen Stellen, sich selber mit: Otto Flake, Schriftsteller und Mann von Welt.

Das Unglück Otto Flakes war, daß er in ein Land und in eine Literatur hineingeboren wurde, wo das Wort "Welt" einen ganz anderen Sinn hat – entweder einen kosmischen ("diesen Kuß der ganzen Welt") oder einen bescheiden biedermännischen Fausts Reise durch die kleine, dann die große Welt fängt in Auerbachs Keller an, einer Kneipe mittlerer Güte. Und die Welt, die Heinrich Böll oder Günter Grass ausmalen, ist nicht weit weg von den Stilleben Raabes oder Jean Pauls. Goethe, gewiß, war ein Mann von Welt, Humboldt auch, Fontane hatte eine Ahnung davon, Gottfried Benn schnupperte ein bißchen daran, aber lange Zeit war "mondän" eher ein Schimpfwort.

Flake kam nicht in Deutschland zur Welt, sondern in Metz, das damals freilich zum Deutschen Reich gehörte, frisch annektiert. Obwohl Metz in Lothringen liegt, wird Flake gern zu den Elsässern gerechnet, und tatsächlich hat er seine entscheidenden Jugendeindrücke, ersten Freundschaften, literarischen Kampferfahrungen in Straßburg gewonnen. Aber sein Vater war ein Beamter aus dem Hannoverschen, die Mutter Pfälzerin; von den Metzern her gesehen waren die Flakes Angehörige einer Besatzungsmacht.

Zwei Meter hoch, war er das, was in Romanen "ein blonder Hüne" genannt wird. Er hätte in das Panorama einer deutschnationalen, zuchtvollen und blutstolzen Literatur als Renommierfigur hineingepaßt, photogen und international vorzeigbar; aber er hatte sich schon zu Beginn des Jahrhunderts, in Straßburg, anders entschieden: für den Begriff von Welt, den die nahe französische Kultur suggerierte, für die Geschliffenheit der geselligen wie der literarischen Formen, für den "guten Europäer" als Modell, für den Kosmopolitismus als Lebensnorm, für das Reisen als Lebensform.

Er stand mit dieser Wahl keineswegs allein: Sein Freund René Schickele war wirklich im Elsaß geboren, halb deutscher, halb französischer Abstammung wie Annette Kolb, die in Badenweiler zur Welt kam, und wie die "Besatzer"-Kinder Ernst Stadler und Ernst Robert Curtius, von denen der eine im Kampf gegen die Franzosen fiel, der andere der bedeutendste Kenner und deutscher Wegbereiter ihrer modernen Literatur wurde. Man muß auf der französischen Seite Romain Rolland hinzurechnen, dessen Jean Christophe wiederum aus der deutschen Südwestecke stammt, und in weiterem Sinne gehört auch der Elsässer Albert Schweitzer zur Familie. Der Erste Weltkrieg vernichtete die elsässische Ernte; Schickele zog später nach Badenweiler, Flake ließ sich 1928 in Baden-Baden nieder, Frankreich vor der Tür.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutsch-französischen Probleme ausgeräumt, Gott sei Dank, und "leider" nur dann, wenn man sich der Fruchtbarkeit jener alten Spannungen und Wechselwirkungen erinnert. Noch während des Krieges saß Flake in der Baden-Badener Klause, stillhaltend, weil politisch anrüchig, mit einer Halbjüdin verheiratet; da er selber, bei allem damals verpönten "Asphalt"-Geruch, kein Jude oder Kommunist war, blieb er geduldet, überlebte. Damals schrieb er seinen großen deutsch-französischen Roman und damals eine Reihe der Erzählungen, die nun als die ersten beiden Bücher einer Werkausgabe in fünf Bänden erschienen sind –