Einen „Lastwagen zum Himmelreich“ hat Adorno Richard Wagners Musik genannt, und etwas Vergleichbares ist Hans-Jürgen Syberbergs Karl-May-Film geworden, seinerseits hervorgegangen aus einem Wagner-Filmprojekt: eine teutonisch-dumpfe, unter Akten und Dokumenten fast erstickte Wühlarbeit empor ins Licht der Karl-Mayschen „Menschheitsseele“, aus dem bleiernen, lastenden Ardistan ins kitschig-bombastische Paradies Dschinnistan. Aber Syberbergs dreistündige Dichterfeier, teils heftig attackiert, muß kürzer werden, nicht länger als hundert Minuten: Trotz monatelanger Voraus-PR und glamouröser Galapremiere blieb das Publikum weg, und der Verleih dringt aufs Geschäft.

Dabei ist Syberbergs Filmmonstrum seinem Sujet durchaus angemessen. Karl Mays unüberschaubares Werk ist millionenfach verbreitet, und seine Einschätzung reicht noch immer von blinder Begeisterung bis zu höhnischer Verachtung. Plagiator, Schundfabrikant, Jugendverderber, Betrüger– oder populärster deutscher Volksschriftsteller, Pazifist, Sozialrevolutionär und „Schöpfer der einzig wahren Heldenlieder des wilhelminischen Reiches“ (Filmtext)? Der Reiseschriftsteller May, ein „Shakespeare der Jungen“ und vielleicht unser bester Erzähler, „wäre er eben kein armer verwirrter Proletarier gewesen“ (Ernst Bloch)? May ein „Koloß von Würstchen“ und seine Romane ein „reinrassiges Schwulenbrevier“, durch seine „der Hochliteratur zuzuzählenden“ Spätwerke jedoch „unser letzter Großmystiker“ (Arno Schmidt)? Die wieder ausgegrabene Groschenheft-Kolportage aus Mays Frühzeit willkommenes „Intellektuellen-Konfekt“ (Olms Presse), „12375 Seiten erlesener Trivialitäten“ („Der Spiegel“)?

Syberberg hat diese und viele andere May-Interpretationen in sein Drehbuch aufgenommen. Er läßt Prozeßakten, Protokolle, Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel zitieren, rezitieren, diktieren, als Monologe sprechen, er bleibt authentisch bis zur letzten Krawattennadel und zeigt in Wort und Bild, so sein Hauptdarsteller Helmut Käutner, „eine heilige Ergriffenheit vor der Realität“.

Syberberg hat den Autor auf den Altar der deutschen Volksseele postiert, ihn mit Weihrauch und Pathos, Ufa-Glanz, Kitsch und sanfter Ironie umhüllt. Der Film führt den alten Karl May vor, der, endlich zu Anerkennung und Ruhm gelangt, plötzlich ins Elend seiner Vergangenheit zurückgeworfen wird. Seine letzten zwölf Lebensjahre sind eine, mörderische Hexenjagd auf den Exhäftling und Dieb, den Hochstapler, Lügner, Pornographen, sind eine zermürbende Kette von Hetzkampagnen, Erpressungen, Verleumdungen, Pamphleten, Verfolgungen durch Juristen und Journalisten. May ist ihrem Kesseltreiben hilflos ausgesetzt, hilflos weil rechthaberisch, eitel, von Existenzangst, Renommiersucht und einem unsinnigen Rechtfertigungs-, Reinwaschungswahn besessen. Ist er wirklich nie in den beschriebenen Ländern gewesen, also ein Lügner? Wurde ihm der falsche Doktortitel aufgezwungen? Hat der Verlag die erotischen Passagen in das gegen seinen Willen publizierte Frühwerk hineingeschrieben? Hat er, hat Old Shatterhand mit Winnetou geschlafen und Kara Ben Nemsi Effendi mit Hadschi Halef Omar?

Der alte May in der Villa Shatterhand in Radebeul ist ein posierender, schwadronierender, greinender Don Quijote. Frau und Sekretärin, „Hühnele“ und „Herzle“ genannt, reisen mit ihm, umsorgen ihn, fragen im mystischen Zeremoniell „die Mächtigen“ um Rat. In all dem exotischen Gerümpel um sie werden lesbisches Getue, Homoerotik und „angeblich-wahrscheinliche saftigste Erotica“ (Schmidt) angedeutet. May trennt sich von seiner Frau („spiritistische Kreuzspinne“, „Unterleibsvampirismus“ schimpft er ihr nach) und heiratet die Sekretärin. Einmal verläßt er nachts ihr Bett, die Kamera schwenkt auf das Gemälde eines nackten Jünglings, dann sitzt May am Kamin („sinnend“, würde es in Wagners szenischen Anweisungen heißen), in seinem Schoß den Kopf des somnambulen, ephebenhaften Zwitterwesens Penelope streichend.

Nirgends wird dieser Karl May greifbar, die Figur schillert in immer neuen Illuminationen. Bei den Dreharbeiten gab es Krach zwischen Regisseur und Darsteller: Syberberg heroisiert, Käutner verachtet May; für Syberberg ist er der „Sympathieträger“, für Käutner ist er ein „zwiespältig Halbgebildeter ein Klein-Krimineller“; Syberberg wollte authentische Texte und dokumentarisches Spiel, Käutner wollte Realismus und Psychologie und suchte seines jungen Kollegen „Verzückungen zu bremsen“.

Aus diesem Widerspruch ist eine der schönsten, dichtesten und zugleich widersprüchlichsten Figuren im deutschen Film geworden: ein Kauz, ein Männchen, ein Gepeinigter, rührend und kümmerlich, von einer flackernden, träumerischen Größe im Leid und von grotesker Lächerlichkeit. Käutner bringt es fertig, sich ganz mit dem alten May zu identifizieren und sich doch immer neben ihn zu stellen, ihm einen Hauch Altersweisheit zu geben und ihn zugleich als armseligen Narren, als pompöses Filou zu porträtieren, als einen sächselnden Popanz, tragisch und komisch, liebenswert und bemitleidenswert.