Von Dietrich Strothmann

So ist das also heute wieder: Zum Besuch einer Bonner Bundestagsdelegation in Auschwitz, der ersten offiziellen immerhin, schrieb der journalistische Begleiter in seiner angesehenen Tageszeitung dies: "Im Gedenkbuch von Auschwitz stehen jetzt die Namen der Parlamentarier aus der Bundesrepublik unter den Sätzen: Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor den Opfern von Terror und Gewalt. Die Toten klagen an. Ihr Schicksal ist uns Mahnung und Verpflichtung." Der Reporter notierte arglos weiter zu diesem Zitat, es stünde in dem Besucherbuch ohne konkreten Bezug auf Auschwitz. Diese Sätze, so meinte er zutreffend und wohl auch zustimmend, könnten an jedem Ehrenmal überall stehen. "Das hat, seinen Sinn", so wörtlich, "Terror und Mord sind nicht die ausschließliche Besonderheit eines Volkes. Doch der organisierte Mord in Auschwitz hat einen schrecklichen Gipfel der Perfektion erreicht."

Dieses "Doch" immerhin. Es markiert in diesem Zusammenhang den Unterschied, das Besondere, Einmalige vielleicht: den unfaßbaren Mord an vier Millionen Menschen an diesem kleinen, einzigen Ort, der Auschwitz heißt. Sonst aber, außer diesem einen Wörtchen "Doch" in diesem Besuchsbericht, ist wieder einmal, noch einmal und diesmal quasi amtlich, laut Eintragung in das Gedenkbuch, von der unmenschlichen Gleichung die Rede: vom Zug der Juden in die Gaskammern und vom Treck der Ostpreußen durch den Winter des Jahres 1945. Auf was sonst wohl soll diese blasse, in Auschwitz gebrauchte, doch gerade nicht speziell auf Auschwitz bezogene Formel, dieser absichtlich allgemeine-verallgemeinernde Hinweis auf die "Opfer von Terror und Gewalt" lenken: auf das "Nicht wir allein, ihr auch ..." Was ist das anderes, als die Banalität der Berührungsangst, die fatale Verdrängung einer lästigen Last: Vergangenheits-Exorzismus immer wieder, immer noch.

Auch die Bonner Abgeordneten mochten oder konnten sich nicht stellen: zu dem Ort mit dem Namen Auschwitz und zu dem, was sich dort einmal zutrug. Sie mußten sich in Gemeinplätze, in Verallgemeinerungen flüchten – aus Scham oder aus politischem Kalkül: Gewalt überall, nicht nur an diesem einen Platz, sondern danach auch in ostpreußischen Dörfern und sudetendeutschen Städten. Sie hatten das bekannte Banner aufzupflanzen, auf dem Auschwitz steht und Dresden und Hiroshima; Wir kennen das zur Genüge.

Nur: Wir dachten, wir hofften, sogar diese Inschrift unter dem Motto: Auch die anderen, nicht nur wir! sei längst abgeblättert von der deutschen Selbstreinigungs-, unserer Selbstmitleidsfassade. Weit gefehlt, so scheint es anläßlich dieses Auschwitz-Besuches der Bonner Bündestagsdelegation. Wir begreifen noch immer nicht oder haben es bereits wieder vergessen, verdrängt: daß das eine sich mit dem anderen nicht vergleichen, nicht aufrechnen läßt, wieviel beides auch miteinander zu tun hat, wie wenig Dresden ohne Auschwitz vorstellbar ist. Und das, was gestern in griechischen Kerkern Menschen zugefügt wurde und heute in chilenischen Verhörzellen geschieht, ist ebensowenig eine Blankovollmacht für unsere Mitverantwortung an Vergangenem, etwa nach der freispruchähnlichen Formel: Die anderen, die sind auch nicht besser.

Die ausführliche Vorrede hat ihren Sinn, ihren speziellen Anlaß: Denn es ist ein Phänomen zu vermelden, die späte Neueuflage eines verschollen geglaubten Buches – des "SS-Staates" von Eugen Kogon, der erstmals 1946 erschienenen, ersten zusammenfassenden, systematischen Darstellung der Organisation und Perfektion mechanisierter und technisierter Gewalt während der zwölf Jahre des Dritten Reiches.

Was ist, so könnte man fragen angesicht dieser ungewöhnlichen Wiedergeburt eines alten, fast schon vergessenen, vielleicht sogar schon verstaubten Buches über den KZ-Terror und den Massenmord – was ist mit den Deutschen los, daß gerade ein solches Thema ihre Aufmerksamkeit, vielleicht auch ihre historische Neugier findet? Schließlich gibt es der Literatur dazu längst genug – nach dem Prozeß gegen Eichmann in Jerusalem, nach den Verfahren gegen die Mordgehilfen von Auschwitz in Frankfurt. Es gibt auch seit vielen Jahren, so wurde es immer wieder glaubhaft versichert, jene lähmende, ansteckende Müdigkeit, sobald vom totalen Tod der Mordmaschinerie der Hitler, Himmler und Höss die Rede war, von Vergangenheitsbewältigung gesprochen oder über NS-Prozesse geschrieben wurde. Der Banalität des Bösen, so erfuhren wir und erlebten wir es, folgte Gleichgültigkeit der Nachgeborenen, die Interesselosigkeit der Zeitgenossen. Auch Betroffenheit stumpft allmählich ab, auch ständige Konfrontation mit dem Schrecklichen macht müde. Gewissen schrumpft zusammen, wo es immerfort angerufen wird.