Biographische Lexika zur Wissenschaftsgeschichte sind als wichtige Hilfsmittel unentbehrlich. Wenn der Verfasser eines solchen Werkes aber in erster Linie Science-fiction-Autor ist und sich hierzulande bereits mir einer abenteuerlichen "Geschichte der Biologie" (Fischer-Bücherei, 940, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1968) eingeführt hat, sollte das englische Manuskript kritischer überprüft werden, bevor man die deutsche Übersetzung in ein Verlagsprogramm aufnimmt. Der Herder-Verlag war schlecht beraten, als er Asimov auf den Leim ging. Das Buch mit dem anspruchsvollen Titel –

Isaac Asimov: "Biographische Enzyklopädie der Naturwissenschaften und der Technik"; Herder-Verlag, Freiburg/Basel/Wien, 1973; 640 S., 1151 Biographien, 246 Porträts, 118,– DM

ist zudem miserabel übersetzt, so daß die unbeholfene Diktion dem Leser angesichts der Fälle sachlicher Fehler mehr Heiterkeit als Informationen bringt.

Die Existenz der Brüder Friedrich Heinrich Alexander von Humboldt (1769–1859), des Naturforschers, und Wilhelm von Humboldt (1767–1835), des Staatsmannes, muß Asimov in arge Bedrängnis gebracht haben. Er löste das Problem recht einfach, indem er eben die beiden Vornamen zu einem verschmolz, den Naturforscher kurzerhand Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nennt, und, um das Maß vollzumachen, den Artikel mit dem Porträt Wilhelm von Humboldts – der bekannten Lithographie nach Franz Krüger – illustriert. Von den Lektoren des Herder-Verlages wäre es nicht zuviel verlangt gewesen, solchen Unsinn wenigstens für die deutsche Ausgabe zu bereinigen.

Geradezu haarsträubend sind das naive Wissenschaftsverständnis und die rührende Argumentation des Verfassers. So heißt es beispielsweise zur Bedeutung des Aristoteles für die abendländische Philosophie: "Seinen Lehren wurde nun fast so etwas wie eine göttliche Autorität zugeschrieben. Wenn Aristoteles das ‚so‘ gesagt hat, dann ist es auch ‚so‘! Das darf aber nicht Aristoteles angelastet werden, der selbst alles andere als ein blindgläubigen Höriger irgendeiner Autorität gewesen ist. Während Wissen und Fortschritt der Menschen immer mehr zunahmen, wurde Aristoteles immer mehr zu einer Symbolfigur falscher Erkenntnis abgestuft ... Wir wissen aber heute, daß er in Wirklichkeit einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten war."

Asimovs Lexikon ist kein Ergebnis wissenschaftlichen Arbeit; vielmehr ein zusammengehauenes Machwerk, vor dem nicht genug gewarnt werden kann. Obwohl die Diskussion um die Herkunft der sogenannten Pseudogeberschriften – genannt nach Geber, einem arabischen Arzt und Alchimisten der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts – noch lange nicht abgeschlossen ist, erfindet der Verfasser die Person eines Pseudo-Geber, von der er noch behauptet: "Lebte um 1300,... beschrieb als erster die Schwefelsäure." Im Vergleich mit den genannten Beispielen nehmen sich die häufig falschen Angaben über Geburts- und Sterbeorte, Lebensdaten, biographische Einzelheiten und problemgeschichtliche Zusammenhänge nur noch als Schönheitsfehler aus, ganz abgesehen davon, daß Asimov unerklärlicherweise um die Wissenschaften verdiente Männer noch zusätzlich in den Adelsstand erhebt, etwa den Schweizer Naturforscher und Polyhistor Conrad Gesner (1516 bis 1565).

Es grenzt an Zynismus, wenn Asimov im Vorwort beteuert: "Ich habe in einem größeren Ausmaß als üblich der Versuchung widerstanden, den Erkenntnissen der neueren Zeit aus dem Wege zu gehen." Würde dies wenigstens für die Auswahl der aufgenommenen Biographien zutreffen, dann dürften die Namen von Hieronymus Bosch, Otto Brunfels, Andrea Cesalpino, Etienne Geoffroy Saint Hilaire, Joachim Jungius, Georg Christoph Lichtenberg, Adam Riese, Abraham Trembley und Rudolf Christian Treviranus nicht fehlen. Armin Geus