Von Benjamin Henrichs

Vor drei Jahren sprach man kaum noch über das Theater von Frankfurt – und wenn, dann nur im Mitleidstone. An den Städtischen Bühnen lag das (vom Intendanten Ulrich Erfurth verwaltete) Schauspiel in den letzten Zügen einer langen Agonie; im Theater am Turm (TAT) probte man so exzessiv die Mitbestimmung, daß für die anderen Proben (an den Texten, die man spielte) kaum noch Kraft blieb.

Als dann Peter Palitzsch (vorher Schauspieldirektor in Stuttgart) nach Frankfurt kam, das Ensemble neu bildete, dem Theater eine gemäßigte Mitbestimmungsverfassung gab, begann, mindestens für das Schauspielhaus, eine Phase der Konsolidierung. Zwar blieb das Theater, wie zu Erfurths Zeiten, häufig halbleer; doch kamen nun wenigstens wieder die Kritiker von auswärts, war Frankfurts Theater endlich wieder ein Gegenstand von Neugier. Und als dann gar in der vergangenen Saison bekannt wurde, daß Rainer Werner Fassbinder und seine Gruppe das desolate TAT übernehmen würden und daß das Schauspiel Frankfurt einen der auffälligsten jungen deutschen Regisseure, Luc Bondy, fest engagiert hatte, schaute man fast schon neidisch nach Frankfurt, das offenbar dabei war, neben Berlin zu einer zweiten Theaterhauptstadt zu werden.

Das war einmal. Heute hört man aus Frankfurt eher depressive Töne. Den lautesten Klageruf tat der Kritiker Peter Iden, vorige Woche in der "Frankfurter Rundschau". Dem TAT gönnte Iden immerhin noch eine Bewährungsfrist: die ersten vier (enttäuschenden) Premieren bei Fassbinder seien noch kein Anlaß zur Resignation. Für das Schauspiel Frankfurt dagegen fand Iden fast nur noch bittere Worte: das Theater sei leer, das Ensemble sei zerfallen in drei gegeneinander intrigierende Parteien, das Führungsteam beginne sich aufzulösen. Der Dramaturg Horst Laube, dies Idens erstaunlichste Nachricht, habe ein Ultimatum gestellt: entweder müsse das Theater den Regisseur Hans Neuenfels entlassen oder auf seine, Laubes, weitere Mitarbeit verzichten.

Laube dementiert die Nachricht, Palitzsch nennt sie (in einer Antwort an die "Frankfurter Rundschau") ein Produkt von "Klatsch und Tratsch", auch Hans Neuenfels kann sich an keine ultimativen Äußerungen Laubes erinnern. Iden beruft sich auf die Zeugenaussage zweier Schauspieler, die bei einer Vollversammlung Laubes Ultimatum gehört haben wollen – sicher kein sehr eindrucksvoller Beleg für eine so folgenschwere Behauptung.