Zweiundachtzigjährig starb im Spätsommer in Badgastein der Philosoph Arnold Metzger. Das ist mehr als bloß eine Nachricht; womit es zusammenstimmt, daß die Angehörigen sich auch mehr, als für Nachrichten üblich ist, mit ihr Zeit ließen. Metzgers Tod ist ein Einschnitt jenseits der Neuigkeiten vom Tage. In aller Stille bricht er die Traditionslinie einer figurenreichen philosophischen Existenzform ab, die in der Welt nirgendwo mächtiger als einmal in Deutschland gewesen ist, wo sie nun niemand mehr fortsetzt.

Ihre pädagogische Humanität bewahrte Arnold Metzger wie keiner. Noch einmal konnte sie in seiner Person die längst aufgebrochene Kluft zwischen der thematischen Fülle und Uneingrenzbarkeit kritischen Denkens und den Überlieferungen einer Philosophie schließen, die als "Fach" sich bestimmen läßt: Metzger hatte Anteil an beidem.

Er philosophierte gegen die Macht des Faktischen, die nach Hegel noch die Normen des Bewußtseins setzt, das es kritisiert und verändern will, und – nach Metzger – solcher Einsichten, ihrer Unzufriedenheit und Selbstkritik, gar nicht fähig wäre, wenn es nicht das Eingesehene überstiege. An der metaphysischen Tradition dieser "inneren Transzendenz" hielt er fest, gegen den Positivismus nicht nur, sondern in einer entscheidenden polemischen Wendung gegen die existenzphilosophische Deutung der Todesgewißheit auch gegen Heidegger. Noch der anti-objektivistische Impuls, den seine Philosophie mit der Heideggerschen von beider Anfängen als Schüler des Phänomenologiebegründers Edmund Husserl her teilte, führte ihn zur kritischen Frontstellung gegen die Subjektverleugnung im Verfahren des Meisters; mit welcher Diagnose eines Schleichweg-Objektivismus er erkenntnistheoretische Einsichten Adornos um Jahrzehnte vorwegnahm.

Aber die Akzente waren immer anders gesetzt: Was ihn, der ein Phänomenologe sui generis war und blieb, vom Gedankenbau der Kritischen Theorie trennte, waren nach manchen Anzeichen blcß beiderseitige, aber auch sehr schwer zu entwirrende Mißverständnisse. Daß seine Distanz von der heimischen Szene der Philosophenzunft nicht geringer als diejenige der "Frankfurter Schale" war, zeigte sich in einer höchst souveränen Arbeit über "William James und die Krise der Philosophie", die von den landläufigen deutschen Stereotypien über den amerikanischen Pragmatismus nichts übrig ließ.

Unter Metzgers zahlreichen Büchern dürfte "Freiheit und Tod" (1955) als Hauptwerk zu sehen sein. Über die einschneidende Auseinandersetzung mit Heidegger und eine höchst originelle Typologie des von Menschen erfahrbaren Nichts hinaus enthält es schon alle Motive seines unabgeschlossen hinterlassenen Spätwerks voller humanistischer Zuversicht. Ihre thematischen Anlässe lagen meist in Drangsalen der Gesellschaft, die er als Chancen verstand.

Um so ungebrochener hat er sich gegen sein Zeitalter mitten in dessen Provokationen behaupten können. Ungestört von ihrem Aufstand, für den er ohne terminologische Konzessionen ein kritisches, aber auch sehr loyales Verständnis hatte, blieb die Verehrung seiner Münchner Studenten für ihn; mit ihr, zu jeder Zeit, seine Seminare. Es gibt Philosophen, deren Gedanke sich im Gegenzug zu ihrem Dasein entwickelt, und es gibt Sokrates als Modell einer größtmöglichen Übereinstimmung beider. Metzger, der über dessen Todessehnsucht einen sehr tiefgründigen Aufsatz schrieb, war ihm verwandt in dieser Zeugenschaft. Die Motive seines Lebens und Philosophierens stimmten zusammen. Seit einer Flucht aus sibirischer Kriegsgefangenschaft im Durcheinander der russischen Revolutionszeit, die ihn vom Elend der Lager direkt in die Petersburger Loge des Rates der russischen Volksbeauftragten gelegentlich einer Aufführung des ehemalig kaiserlichen Balletts führte, blieb seine Lebensgeschichte an Überraschungen, abenteuerlich Unerwartetem fast so reich wie an Liebe und Freundschaft.

Wie hätte er, der die einschlägigen Gegenerfahrungen im Überfluß vorweisen konnte, nicht über die Übermacht der Fakten – und ihres Wahrscheinlichkeitsprinzips – hinausdenken sollen? Hinter allem Staunen, sokratischen Fragen, das in ausnahmsweise glaubwürdigster Traditionshaltung das Element seines Gedankens geblieben war, stand die Sicherheit eines Selbstbewußtseins, das die Gattung Mensch stets schon einschloß.

Ulrich Sonnemann