Von Marianne Kesting

Unter den nicht gerade zahlreichen "konkreten" Poemen ist Gerhard Rühm wohl der begabteste und einfallreichste. Dennoch wird, was er schreibt, weiterhin in der Enklave derer bleiben, die sich, abseits der breiten Straße populärer Literatur, um diese Poesie der Sprach-Recherche kümmern.

Seit Mallarmé haben wir "zwei Literaturen", in der hanebüchenen Terminologie marxistischer Ästhetik eine "formalistische" und eine "realistische", zwei auseinandergebrochene Hälften, die sich offenbar nicht einfach wieder zusammenaddieren lassen. Während die eine Popularität oft um den Preis der Qualität erzwingt, pocht die andere auf Qualität oft um den Preis ihrer Popularität. Die Tatsache, daß ein Autor wie Rühm neuerdings von Verlag zu Verlag weiterwandert – von Rowohlt über Luchterhand zu Hanser –, deutet die kommerzielle Bedrohung dieser Art von Literatur an. Jetzt erscheinen Texte, die auf besonderes Vorverständnis angewiesen sind –

Gerhard Rühm: "Wahnsinn Litaneien", mit einer Schallplatte; Carl Hanser Verlag, München, 1974; 91 S., 16,80 DM.

Das Deckblatt, auf dem die Anatomie eines Hirns abgebildet ist, und der Titel "Wahnsinn" verweisen auf eine Tradition, die eher französischer als deutscher Art ist. Nach Rimbauds Forderung eines "systematischen Derangements der Sinne" begannen die Surrealisten mit Imitation und Untersuchung der Psychosen und Geisteskrankheiten. Sie wirkten nach dem Kriege stark auf die "Wiener Gruppe", wo die "Hirnforschung" mit Konrad Bayers "Kopf des Vitus Behring" ein genialisches Stück Literatur hervorbrachte. Rühms "Wahnsinn Litaneien" setzen die Tradition fort.

Ihr Ursprung freilich reicht noch hinter Rimbaud zurück: Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge und sein Verehrer und Biograph Thomas de Quincey, schließlich Edgar Allan Poe begannen mit der theoretischen und dichterischen Erforschung der dichterischen Einbildungskraft, indem sie sich selbst in ihren Opiumträumen belauschten. Poe war der erste, der versuchte, den "Kopf eines Dichters" zu schildern, im übertragenen Sinne also eine Art "Anatomie eines zerrütteten Hirns" zu geben, und zwar in seiner berühmten Erzählung vom "Fall des Hauses Usher". Warum mußte es ein zerrüttetes Hirn sein, genial und wahnsinnig zugleich? Im "Zeitalter der Gleichheit", da das Normale zum Banalen herunterkam und es, wie Sartre einmal sagte, "der Gemeinplatz ist, wo die Gemeinschaft sich trifft", verlegte sich eine bestimmte Dichtung auf das Abseits extremer psychischer und geistiger Zustände. Eben dies versprach neue Erfahrungen jenseits der ausgetretenen Pfade.

Demgegenüber behauptet das kleine – von wem stammende? – Vorwort zu Ruhms "Wahnsinn Litaneien", daß es für Rühm darum gehe, "Wahnsinn nicht als außergewöhnlichen, sondern als normalen Zustand zu vergegenwärtigen". Der Satz steht da so apodiktisch wie so manch anderer in diesem Vorwort. Erklärt wird er nicht. Soll es besagen, daß der systematischen "Zerrüttung der Sinne" Rimbauds die systematische Zerrüttung der Poetik auf dem Fuße folgte und der extreme Zustand. der Literatur ihr "normaler" wurde? So enthalten denn auch Rühms "Wahnsinn Litaneien" nichts Wahnsinnigeres als seine anderen Bücher: Wörter, aus dem logischen Zusammenhang von Sätzen gerissen, isoliert und vor allem – gereiht (daher Litaneien). Die Reihung einzelner Wörter oder gleichlautender Sätze intensiviert die Aufmerksamkeit auf das einzelne Wort, aber überführt den Leser oder Hörer in eine Art Trancezustand, der seltsame Variationen erfährt im Unheimlichen (im Flüstergedicht "Wahnsinn"), in der absoluten Ödnis des Sinngedichts", das eine Art systematischer Austreibung von Sinn ist, im Abschreiben des Berliner Telephonbuchs oder dem "Lebenslauf", der sich in der Aufzählung der jeweils gewachsenen Zentimeter erschöpft.