Von Rolf Henkel

München

Der Senior und der Benjamin blinzelten sich zu. Der Älteste des bayerischen Landtags, Alfons Goppel (69), thront seit Dienstag dieser Woche wieder auf der Regierungsbank an der Spitze des vierten von ihm gebildeten Kabinetts. Der Junior sitzt ein paar Meter tiefer bei der CSU-Fraktion: Lehrer Thomas Goppel (27), der Sohn des Ministerpräsidenten, der mit seinem im Handstreich genommenen Listenplatz schon allein wegen des Namens für einen Parlamentssitz gut war. Zum erstenmal in der weißblauen Landtagsgeschichte sind Vater und Sohn gemeinsam Abgeordnete im Maximilianeum, erstmals steht ein Familiengespann an der Spitze und am Ende der Altersstatistik. Und zum erstenmal amtiert im sonst politisch so überaus stabilen Bayern eine Regierung auf Abruf, denn Eingeweihte munkelten schon vor dem ersten Ministerschwur, daß das letzte Kabinett Goppel in zwei Jahren einem gründlichen Revirement unterzogen wird.

Dies freilich sind nicht die einzigen Neuerungen zum Auftakt der 8. Legislaturperiode des bayerischen Landtags. Goppel brach zudem mit einer überkommenen Tradition, die sich in Bayern besonders hartnäckig gehalten hatte. Auf massivem Druck der Frauen-Union, die gar in der letzten Phase des Gerangels um die Kabinettsbildung noch eine Delegation zu Goppels Frau Gertrud ins Eigenheim im Münchener Vorort Krailling entsandte, berief der Ministerpräsident die erste Frau in eine bayerische Regierung: die katholische Ministerialrätin Mathilde Berghofer-Weichner (43), die sich als promovierte Juristin in Kultusministerium hochgedient hat, wird in demselben Haus den Sessel des Staatssekretärs einnehmen. Räumen mußte ihn hingegen ein geschlagenen Unterfranke, den seine Freunde aufgaben und den seine Kirche fallenließ: Erwin Lauerbach (49). Mehr bekannt als Segelflieger denn als Motor der Kulturpolitik, geriet er über private Affären und seine Verstrickungen in dubiose Abschreibungsgesellschaften derart heftig ins Trudeln, daß ihn nicht einmal die evangelische Kirche auffangen konnte.

Der Staatssekretärsessel im Kultusministerium steht traditionsgemäß im sensiblen Proporzgefüge, mit dem das bayerische Kabinett nach Herkunft und Konfession zusammengehalten ist, seit jeher einem Politiker protestantischen Gesangbuchs zu. Als Lauerbach abstürzte, geriet das künstliche Gleichgewicht ins Wanken und Goppel meinte mit einem resignierenden Unterton in der Stimme: "Es gibt Situationen, in denen nicht alle Ansprüche erfüllt werden können." Nur neun Tage hatte die Bildung seiner neuen Regierung gedauert, das Puzzle um siebzehn Minister- und Staatssekretärposten war dem Senior jedoch noch nie zuvor so schwer gemacht worden. Fast unablässig betätigten sich Delegationen und einflußreiche Interessengruppen als "Klinkenputzer" in der Staatskanzlei, wobei die Ansprüche jedesmal ein bißchen höher geschraubt wurden und jeder den Sieben-Millionen-Stimmen-Sieg der CSU für sich beanspruchte. Goppel, derartigen Hickhacks müde, fügte sich schließlich in die Teilung der Verantwortung: Er beugte sich dem Votum des CSU-Vorstands, die Kabinettsliste von einem Spitzengremium absegnen zu lassen, dem neben Goppel auch Parteichef Strauß, der Fraktionsvorsitzende Seidl, der Bonner Landesgruppensprecher Stücklen und der Sprecher des evangelischen Flügels, Dollinger, angehörten.

Die Verhandlungen, auf dem Landsitz von Strauß in Rott am Inn von lästigen Bittstellern hermetisch abgeschirmt geführt, brachten nur kosmetische Korrekturen für Goppels Kabinett. Statt Lauerbach amtiert nun die katholische Staatssekretärin im Kultusressort und der evangelische Proporzposten wurde optisch aufgewertet: Karl Hillermeier, bisher Staatssekretär im Finanzministerium, steht nun als evangelischer Minister der Justiz vor, wo Goppels alter Kampfgefährte Philipp Held seinen Hut genommen hatte. Auf den Staatssekretärposten im Finanzministerium rückt der bisherige stellvertretende Fraktionschef Albert Meyer vor, der diese Berufung nur der zweiten Hälfte des Lauerbachschen Proporz-Erbes verdankt: er ist Unterfranke. Im Justizministerium fand Goppel schließlich noch im Vizeposten einen adäquaten Abschluß für die Politkarriere des Münchener Anwalts Alfred Seidl (63), der der CSU-Fraktion zweieinhalb Jahre lang ohne Glück vorgestanden hatte. Die ungestüm drängende Münchener CSU ging hingegen beim Wettlauf um weitere Kabinettsposten leer aus. So antwortete denn Goppel aufdie Frage, ob er sein Wunschkabinett gebildet habe, lakonisch: "Nein."

Statt dessen spiegeln die geringfügigen Veränderungen im Kabinett des 69jährigen Regierungschefs dessen Willen wider, seinen drei Kronprinzen im Ministerrat keine neue Konkurrenz durch ehrgeizige Neulinge erwachsen zu lassen. Zwar erklärte Goppel, er und seine Regierung würden auch in den nächsten vier Jahren ungebrochen an der Spitze Bayerns stehen, Eingeweihte munkeln aber, daß das große Revirement nach der Bundestagswahl 1976 bevorsteht. Dann soll Goppel seinen Platz einem Jüngeren frei machen, der sich bis zur Landtagswahl 1978 profilieren muß – es sei denn, Franz Josef Strauß meldet selbst seinen Anspruch am Chefsessel in der Staatskanzlei an.