Von Harald Steffahn

Man erinnert sich noch seines ruhmlosen Abschieds von der Macht: Der oberste Gebieter über alle Fälscherwerkstätten der Gestapo hatte sich zum Kriegsende in Nord-deutschland mit einem nagelneuen Soldbuch auf den Namen Hitzinger und mit einer Feldwebeluniform der Geheimen Feldpolizei ausstatten lassen. Dazu kam eine schwarze Kappe über dem linken Auge. In dieser Maskerade ging Heinrich Himmler unvermeidlich der ersten britischen Militärkontrolle ins Netz, wurde allmählich erkannt und nahm sich das Leben.

Auffallend die bürokratische Ordnungsliebe, wo doch jedes alte, zerknitterte Dokument zu diesem Zeitpunkt echter ausgesehen hätte; bemerkenswert die Selbsttäuschung, gerade er mit seinem Gesicht könne sich aus dem Untergang des NS-Staates herausmogeln, eines Staates, den kein anderer neben Hitler mit solcher Konsequenz zu dem gemacht hat, was er war, wie dieser Mann.

Der Abgang spiegelt nur noch einmal das Irreale, Illusionäre, das schon auf weiten Strecken sein Handeln als Reichsführer SS, Chef der deutschen Polizei und "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums" beherrscht hatte. Daß er daneben ein zielstrebiger Machtmensch war, der den größten Unterdrückungs- und Überwachungsapparat der europäischen Geschichte außerhalb Rußlands organisierte, steht zwar hierzu im Widerspruch; gerade beides macht aber Himmler aus. Reiches Anschauungsmaterial für beide Seiten bietet das Buch:

"Heinrich Himmler. Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen"; hrsg. von Bradley F. Smith und Anges F. Peterson mit einer Einführung von Joachim C. Fest; Propyläen Verlag, Berlin 1974; 319 S. und 243 Bilddokumente, 38,– DM.

Es zeigt, daß Himmler wie kein anderer in der NS-Führung aus den allgemeinen Richtlinien Hitlerscher Rassen- und Lebensraumpolitik ein detailliertes Programm entwickelt hat. Zu dem Brutal-Zerstörerischen traten Aufbau, Planung, Ausführung – oder was er darunter verstand: Neuzüchtung des vermeintlich germanischen Idealtypus, der in seinen Augen in zweitausendjähriger Geschichte verschüttet, denaturiert, unrein vermischt worden war.

Man kann das unglaubliche Nebeneinander von systematischer Mordpolitik und sektiererischeifernder Sorge um seine Neugermanen, man kann Himmler insgesamt nur verstehen, wenn man sich über die Prämisse im klaren ist: Er glaubte in religionsähnlichem Eifer daran, daß dem deutschen Volk mit Hitler ein göttliches Geschenk der Geschichte und die Chance gegeben sei, den nordischen Menschen durch Auslese und Dezimierung "Minderrassiger" im 20. Jahrhundert wieder "herauszumendeln" und das "Großgermanische Reich" zu schaffen. Die Rassenliteratur völkisch-alldeutscher Provenienz und der Blutgedanke ("blutlich" war ein Lieblingswort Himmlers) hatten hier ihren konsequentesten Anhänger gefunden.