Von Ludwig Maaßen

München

Wenn Bayerns Kinder die Betthupferl-Sendung sonnabends einschalten, müssen sie mit einer sehr viel kürzeren Gute-Nacht-Geschichte vorlieb nehmen als an anderen Wochentagen. Für Gastarbeiterkinder nämlich wird – wöchentlich wechselnd – diese Geschichte in jugoslawisch, türkisch, italienisch, griechisch, oder spanisch wiederholt. Dabei geht es meist um gemeinsame Erlebnisse deutscher und ausländischer Kinder, mit denen die Verantwortlichen des Kinderfunks versuchen, den Kleinen die Scheu voreinander zu nehmen, Verständnis für die fremden Kinder zu wecken und Vorurteile abzubauen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Dies zeigt immerhin, daß man bei den deutschen Rundfunkanstalten einige Schwächen des derzeitigen Hörfunkangebots für die Gastarbeiter erkannt hat. Ob diese Erkenntnis freilich für die von der ARD ausgestrahlten Gastarbeiterprogramme weitergehende Konsequenzen mit sich bringt, muß bezweifelt werden. Infolge der prekären Finanzlage sind die Intendanten nämlich nicht bereit, ebenso kostspielige wie wertvolle Neuerungen zu genehmigen. Sendungen für die in der Bundesrepublik lebenden ausländischen Arbeitnehmer gibt es seit 1961. Ursprünglich als Provisorium gedacht, wurden sie 1964 – damals arbeiteten in der Bundesrepublik bereits eine Million Nichtdeutsche – zu einem ARD-Programm koordiniert, das vom Bayerischen Rundfunk (spanisch, italienisch und griechisch) und vom Westdeutschen Rundfunk (türkisch, italienisch und später jugoslawisch) produziert und von allen ARD-Sendern ausgestrahlt wird.

Heute – bei einem Stand von vier Millionen Ausländern, davon 1,2 Millionen Angehörigen – gibt es für jede Sprachgruppe täglich ein Vierzig-Minuten-Magazin. Nicht weniger als sechzig Prozent der ausländischen Arbeitnehmer hören die Programme übrigens in der Woche mehrmals – eine für deutsche Verhältnisse geradezu traumhafte Hörerbeteiligung. Schwerpunkte der Sendungen sind Informationen über sozialpolitische, arbeitsrechtliche und wirtschaftliche Probleme der Gastarbeiter und Berichte aus der jeweiligen Heimat. Sehr oft leisten die Redakteure praktische Lebenshilfe, ob es sich um Versicherungsfragen, Lohnsteuerprobleme, Kindergeldregelung, Arbeitslosenunterstützung, neue Gesetze und Verordnungen, Arbeitsplatzprobleme oder die Schluckimpfung handelt. Ebenso wie bei den Deutschen rangiert der Sport in der Beliebtheit an erster Stelle. Die Ergebnisse der Fußballspiele in der Heimat werden ebenso genau verfolgt wie die der Bundesliga; außerdem wird über die Spiele der verschiedenen Gastarbeitermannschaften in der Bundesrepublik berichtet.

Die ausländischen Redakteure beim Bayerischen Rundfunk glauben, ihre Landsleute mit genügend Inlandsinformationen zu versorgen, von gewerkschaftlicher Seite wird das bestätigt. Die Berichte aus den Heimatländern sollen jedoch noch ausgeweitet werden.

Politischen Krach um die Sendungen gab es mehr als einmal. Griechenland und Spanien beschwerten sich regelmäßig beim Bayerischen Rundfunk über einzelne Kommentare wie über bestimmte Journalisten. Die politische Front gegen das Programm war hart. Kein Redakteur der Gastarbeitersendungen, getraute sich, in die Heimat zu fahren.

1972 ließ der damalige Hörfunkdirektor Walter von Cube nach erneuten Interventionen aus Madrid und Athen die politischen Kommentare kurzerhand einstellen, um den ständigen Ärger loszuwerden. Als Reinhold Vöth sein Amt als Intendant antrat, übertrug er die Verantwortung für die Arbeit der Gastarbeiterredaktionen einem deutschen Redakteur, Walther Stelzle. An Stelle ein und desselben Kommentators ließ Stelzle nun mehrere alternieren – eine Lösung, die beim Wochenkommentar des deutschen Programms bereits in den fünfziger Jahren eingeführt worden war. Seitdem sind die Beschwerden zurückgegangen. Und Walther Stelzle fühlt sich im Augenblick frei von politischen Pressionen. Freilich: Das Verhältnis zum spanischen Rundfunk ist eingefroren. Ein Nachteil insofern, da der Bayerische Rundfunk sich nun aus anderen Quellen mit iberischer Musik versorgen muß.

Die Beziehungen zu den Rundfunkanstalten in Italien und Griechenland hingegen sind sehr gut. Mit der RAI in Rom vereinbarte Stelzle zwei Serien für italienische Gastarbeiterkinder. Und der griechische Rundfunk liefert seit fünf Wochen regelmäßig ein Zwölf-Minuten-Mosaik. Es stammt von einem Journalisten, der mehrere Jahre in der Münchner Redaktion gearbeitet hat. Dieser ist nicht der einzige „Münchner“, der nach Griechenland zurückgekehrt ist: Pavlos Bakojannis, langjähriger Leiter der griechischen Sendungen und bis Mai in München tätig, ist zum stellvertretenden Direktor des griechischen Rundfunks und Fernsehens aufgestiegen.

Nach seinen Plänen und Wünschen für die Zukunft gefragt, zuckt Walther Stelzle die Achseln. Ein Schulfunk für ausländische Kinder wäre dringend notwendig. Geld ist jedoch dafür derzeit nicht zu bekommen. Auf jeden Fall will er mehr ausländische Journalisten zur politischen Kommentierung heranziehen und die Informationen aus den Heimatländern systematisch ausweiten. Wenn seinen Plänen auch Grenzen gesteckt sind, so zeigt er sich dennoch mit seiner Tätigkeit zufrieden: „Es macht einfach Spaß, für ein Publikum zu arbeiten, für das unser Programm notwendig ist und das mit unserer Arbeit zufrieden ist.“