Von Paul L. Walser

Athen, im November

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit wurde über Nacht im Zentrum Athens der "Verfassungsplatz" neu gepflastert. Die frische Teerschicht der neuen Ära ist allerdings recht dünn und franst an den Rändern aus. Den Strapazen, die sie als Schauplatz abendlicher Massenversammlungen aushalten muß, scheint sie trotzdem gewachsen zu sein. Hier findet das Finale des griechischen Wahlkampfs statt. Am Rand des Platzes erhebt sich das alte Königsschloß, das bald – erstmals nach siebeneinhalb Jahren – wieder ein Parlament beherbergen wird.

Die Straßen Athens sind von Wahlplakaten und Flugblättern überschwemmt. Vier der fünf Parteien haben ihre Hauptquartiere eng beieinander aufgeschlagen. Sie liefern sich mit gewaltigen Verstärkeranlagen einen heftigen Lautsprecherkrieg, der jahrmarktsmäßige Züge annimmt und die Passanten berieselt, überfällt, ärgert, belustigt, ermüdet.

Am 17. November wählen rund sechs Millionen griechische Bürgerinnen und Bürger 288 Mitglieder der insgesamt 300 Sitze zählenden Kammer. Die restlichen zwölf Mandate gelangen an "Ehrenabgeordnete", die von den Parteien gemäß der erreichten Stimmenstärke ernannt werden.

Schon kurz nach der Wendung vom 23. Juli dieses Jahres, als die Machthaber der Ioannides-Junta dem aus Paris herbeigeholten Altpolitiker Konstantin Karamanlis die Regierungsgewalt übergeben hatten, wurden die Weichen für Neuwahlen gestellt. Dem Land blieb so wenig Zeit zur Vorbereitung, daß diese Neuwahlen in mancher Beziehung als "Alt-Wahlen" anmuten. Die Geschicklichkeit, mit der die Parteistrategen an die Tradition der Vordiktaturzeit anknüpfen, ist erstaunlich.

Viele der bis zum Staatsstreich der Obristen vom 21. April 1967 gängigen Politikernamen finden sich jetzt wieder an der Spitze der Kandidatenlisten. Trotzdem hat sich einiges in der Zwischenzeit geändert, in erster Linie der einzelne Stimmbürger selber. Er ist für die Parteistrategen dieses Wahlkampfes das eigentliche Rätsel geworden, denn er ist nicht mehr so leicht wie ehemals einer "politischen Familie" einzuordnen. Die gemeinsame bittere Erfahrung der Diktaturzeit hat ehemals zerstrittene Gruppen des Volks geeint. In den Kerkern und Lagern der Obristen begegneten sich Verfolgte der Linken und der Rechten – und das aufgezwungene lange Schweigen hat viele redselige Griechen so nachdenklich gemacht, daß sie nicht mehr ohne weiteres bereit sind, den Traditionen des Klientelsystems zu folgen.