Von Jürgen Kramer

Washington, im November

Unter den vielen Karikaturen zum Ausgang der amerikanischen Zwischenwahl traf die des Zeichners vom Philadelphia Inquirer den Nagel ganz gut auf den Kopf. Sie zeigt inmitten eines vollbesetzten Footballstadions das Team der Demokraten während einer kurzen Unterbrechung bei der Absprache der Spieltaktik. Doch die Spieler wollen absolut nicht zusammenpassen. Jeder huldigt einer anderen Sportart, wie sich an ihrer Ausrüstung ablesen läßt. Eine Karikatur ohne Worte.

Die Verfassung der Demokratischen Partei ist zwar nicht ganz so grotesk wie es die zeichnerische Illustration nahelegt, aber von einer gemeinsamen politischen Linie in ihren Reihen kann derzeit nicht die Rede sein. Das Bild der Geschlossenheit, in dem sich Sieger zu präsentieren pflegen, sucht man bei den Demokraten zur Zeit ebenso vergebens wie eine führende Persönlichkeit. Sie konnte es sich auch leisten, ohne parteipolitisches Profil und ohne Programm vor die Wähler zu treten. Ihre Stimmengewinne sind Dividende ohne Kapitaleinsatz. Der Offenbarungseid Richard Nixons und der Inflations- und Rezessionsbazillus haben die Amerikaner vollends in die Arme der Demokraten getrieben, die nichts weiter zu tun brauchten als sie auszubreiten.

Bei Zwischenwahlen rechnet jene Partei, die nicht den Präsidenten stellt, immer mit einem automatischen Stimmenbonus. Diesmal verstärkte Watergate den gewohnten Trend noch um einiges.

Für die Demokratische Partei ist diese dominierende Rolle keine neue Erfahrung. Seit Franklin D. Roosevelt ihnen im new deal der dreißiger Jahre die Basis für eine Volkspartei verschaffte, haben die Demokraten den Kongreß wiederholt überflutet. Doch nie zuvor war die Partei so kontur- und führungslos wie im Herbst 1974. Als die Demokraten 1958 die beiden Häuser des Kongresses mit Mehrheiten okkupierten, die denen des Jahres 1974 gleichen, verfügten sie über eindrucksvolle Führungspersönlichkeiten: Sam Reyburn herrschte im Repräsentantenhaus und Lyndon Johnson war der starke Mann im Senat. Dem gegenwärtigen demokratischen Speaker des Repräsentantenhauses, Carl Albert, fehlt es ebenso an Profil wie dem Fraktionsführer seiner Partei im Senat, Mike Mansfield.

Neben den beiden biederen Fraktionsführern versucht sich eine ganze Reihe von eindrucksvollen Politikern zu profilieren. Das Format zum Präsidentschaftskandidaten hat aber auch von ihnen kaum einer. Die verschiedenen selbsternannten und von den Medien gekürten Kronprinzen verstärken das Bild von der Zersplitterung der Partei. Das Senioritätsprinzip im Kongreß ist ein zusätzliches Übel für die Partei. Seine Mechanik hat dazu geführt, daß die Schalthebel der parlamentarischen Macht von konservativen Demokraten aus den Südstaaten beherrscht werden, die jede Auffrischung der parlamentarischen Führungselite blockieren. Die daraus resultierende Verkarstung der demokratischen Fraktionen im Kongreß hat die innerparteiliche Richtungsdebatte verhindert, die nach der verheerenden Niederlage George McGoverns gegen Richard Nixon im Herbst 1972 unbedingt nötig gewesen wäre. Die Demokraten haben diese Schlappe bis heute nicht verdaut. Der Wahlsieg kann ihr Ideendefizit nur übertünchen.