DIE ZEIT

Lauter Ausreden

Die Deutschlandpolitik der DDR ist konfuser denn je und wenig hilfreich. Auf der einen Seite erschwert die DDR-Führung die Normalisierung durch Nichteinhaltung eingegangener Verpflichtungen; andererseits hat sie umfangreiche wirtschaftliche Wünsche und signalisiert immer wieder Entgegenkommen.

Der Griff nach den Milliarden

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Politiker so unmißverständlich ausgesprochen, daß die Konjunkturpolitik im Dienst der regierenden Parteien stehe, wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn.

Der Staat ist nicht in Gefahr

Nun ist es genauso schlimm gekommen, wie manche befürchtet und wie doch alle gehofft hatten, daß es nicht kommen werde: Wenige Monate vor Beginn des Stuttgarter Hauptprozesses gegen die Baader-Meinhof-Gruppe starb Holger Meins, einer der Angeklagten, in seiner Haftzelle.

Worte der Woche

"Der Mord an Drenkmann, die Eskalation politischen Wahnsinns bestätigen nur, daß die anarchistischen Gruppen es längst aufgegeben haben, sich politisch durchsetzen zu wollen.

Der Spion, der keiner war?

Noch am Dienstag hatte Bonn seinen neuen Skandal vom Format der Affäre Günter Guillaume. Das Agentenstück um einen hohen Funktionär des Deutschen Gewerkschaftsbundes erregte die Bundeshauptstadt.

Zeitspiegel

Die bisher in der Moskauer Innenstadt eingepferchte Botschaft der Bundesrepublik kann hoffen, sich demnächst auf den bevorzugten Leninbergen der sowjetischen Metropole repräsentativ entfalten zu können.

Mehr für die Wahl als für die Wirtschaft

ZEIT: Auf den ersten Blick steht die Opposition jetzt glänzend da. Sie hat in allen Wahlen dieses Jahres Siege errungen. Der Bundeskanzler regiert, wie Sie sagen, an seiner Partei vorbei und macht die Politik der Opposition.

"Mamey" marschiert

In diesem Saal der Mülheimer Stadthalle hat schon einmal ein – allerdings prominenter – Politiker den Mund reichlich voll genommen: 1969, aus Zorn über die verlorene Kanzlerkrone, hatte von hier aus Kurt Georg Kiesinger damit gedroht, die Freien Demokraten aus allen Landlagen hinauszukatapultieren".

Chinesische Spiralen

Wieder einmal geht das Gespenst einer Aussöhnung zwischen Peking und Moskau um. Zwar verließ der chinesische Botschafter wie üblich den Raum, als Außenminister Gromyko bei der Jahresfeier zur Oktoberrevolution in einer Festrede zur Verdammung der Mao-Führung ansetzte.

Im ideologischen Niemandsland

Unter den vielen Karikaturen zum Ausgang der amerikanischen Zwischenwahl traf die des Zeichners vom Philadelphia Inquirer den Nagel ganz gut auf den Kopf.

Ein ungeliebter Gipfel

Es gibt sie doch, die europäische Solidarität. Die EG-Regierungen exerzieren sie gerade vor. Sie sind inzwischen längst davon überzeugt, daß die von den Franzosen angeregte Gipfelkonferenz keine wichtigen Ergebnisse erbringen wird und deshalb besser verschoben würde.

Rückzug der Europa-Gegner

Eigentlich spricht nichts mehr dafür, daß Großbritannien die Europäische Gemeinschaft verläßt. Nachdem sich der Staub des Wahlwirbels gelegt hat, kommen die Realitäten wieder unverhüllt zutage.

Linker und rechter Terror

In Argentinien steigert sich der Terror. Präsidentin Isabel Perón verhängte für unbestimmte Zeit den Ausnahmezustand über das Land.

Welternährungskonferenz: Erstes Ergebnis

Mit bitterer Ironie forderte der philippinische Außenminister Romulo die Delegierten der Welternährungskonferenz in Rom auf, zur Bekämpfung des Hungers zunächst einmal ihre eigenen Worte zu essen: deutliches Zeichen der Unzufriedenheit über zu vieles Reden und zu geringe Taten.

Fall Böhm: Kein DGB-Spion?

Wegen Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeit ist der Leiter der parlamentarischen Verbindungsstelle des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der 56jährige Walter Böhm, festgenommen worden.

Palästinenser: Neuer Kurs Israels?

Israel überlegt, "wie die Selbstdarstellung der Palästinenser durch ein differenziertes System gefördert werden kann". In der Vergangenheit, so erklärte Außenminister Allon weiter, habe Israel das Schicksal der Palästinenser an eine Friedensregelung mit Jordanien geknüpft.

Noch keine heiße Spur

"Wir werden sie fassen,... und wir rufen unsere Bürger in der Stadt auf, uns dabei zu helfen." Mit diesen Worten reagierte Bürgermeister Schütz auf den Mord an Westberlins höchstem Richter, Günter von Drenkmann.

Kuba: Weiterhin Boykott

Die vor zehn Jahren von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegen Kuba verhängten diplomatischen und wirtschaftlichen Sanktionen werden vorerst nicht aufgehoben, obwohl sich Peru, Argentinien und Panama gar nicht mehr daran halten.

Wolfgang Ebert: SPD sucht Kanzler

"Bei den Wählern wird dann nur noch der starke Mann gefragt sein. Also muß er vom Typ her entschlossen, zupackend und dynamisch wirken und vor Energie nur so strotzen.

Föderalismus als Dreiecksgeschäft

Die bayerische FDP hat durch die Einbuße von drei Mandaten ihre Fraktionsstärke im Landtag verloren. Das bedeutet nicht nur, daß sie keinen Anspruch mehr auf einen großen Teil der finanziellen Zuwendungen für die Parlamentsarbeit hat (jede Fraktion erhält einen Sockelbetrag in gleicher Höhe), sondern auch, daß sie zu einem "parlamentarischen Schattendasein" verurteilt ist.

Der Lotse bleibt

Die Welt hat wieder einmal einen neuen Steuermann. Nach nur einem Jahr und einen Monat wurde Wolf Schneider, Chefredakteur der Welt, in den Springer-Fundus für abgetakelte Chefredakteure geschoben.

Keine Regeln

Die Sprache ist dem Menschen gegeben", sagte Talleyrand, "um seine Gedanken zu verbergen." Für diese These lassen sich allerorten Beweise finden.

Die Entlassung

Mit der Entlassung des Oberleutnants von My Lai, William Calley, aus der Strafhaft hat die amerikanische Justiz einen Akt der Travestie vollendet.

Hörer mit Heimweh

Wenn Bayerns Kinder die Betthupferl-Sendung sonnabends einschalten, müssen sie mit einer sehr viel kürzeren Gute-Nacht-Geschichte vorlieb nehmen als an anderen Wochentagen.

Goppel auf Abruf?

Der Senior und der Benjamin blinzelten sich zu. Der Älteste des bayerischen Landtags, Alfons Goppel (69), thront seit Dienstag dieser Woche wieder auf der Regierungsbank an der Spitze des vierten von ihm gebildeten Kabinetts.

Kein Geld für Foul

Fünf Bundesrichter haben zwei Fußballspieler ins Abseits laufen lassen. Die Hobby-Kicker der schleswig-holsteinischen TSG Ritterhude und des fränkischen TSV Lengfeld hatten versucht, mit ihren Gegenspielern für erlittene Sportverletzungen in Mark und Pfennig abzurechnen.

Wut auf Wanze

Im Hamburger Polizeihochhaus am Berliner Tor sind dreitausend Mark zu verdienen. Ausgelobt hat diesen Betrag Polizeipräsident Günther Redding, und kassieren soll die drei Mille, wer jenen Unbekannten namhaft macht, der vor einiger Zeit im Dienstzimmer des Kriminalhauptmeister Rolf Grunert einen Minispion, auch Wanze genannt, installiert hat.

Trick mit Türschild?

Unser Wald wird zugemauert" klagen Duisburger, weil auf einem der letzten Naherholungsgebiete der nordrhein-westfälischen Industriemetropole ein Universitätskomplex entstehen soll.

Dreck an der Grenze

Fünf Flaschen badischen Weins aus dem Raum Saabach-Kaiserstuhl offerierte der Freiburger Regierungspräsident Person dem Straßburger Präfekten Sicurani.

F. C.Delius’ Satire auf die Firma Siemens wurde verurteilt: Goliaths Sieg

Dokumentarliteratur ist ein Zwitter, teils Tatsachenreport, teils Kunst. Die verschiedenartigsten Literaturwerke, vom Versdrama über das Tonbandprotokoll bis zur Reportage, traten in den letzten Jahren als Dokumentarliteratur auf und erfreuten sich, zumindest unter Literaten, eines unterschiedslos hohen Ansehens.

Zeitmosaik

Wenn das wahr wird, was ich befürchte, daß der Realismus abgebaut wird, wie das absurde Theater, wie der formalistische Expressionismus abgebaut wurden, wenn der Realismus nicht begriffen wird als zentrales Moment der Menschendarstellung, wenn er wie jede andere formalistische Welle verstanden wird: Dann schwimmen wir hundertprozentig wieder in die Trostlosigkeit hinein.

Ruhe, ich will noch lernen

Acht unveröffentlichte, abgeschlossene Gedichtbände hinterließ der chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda, als er im September letzten Jahres starb.

Kunstkalender

Dionysos, der Gott des Weines, von den Griechen in Unteritalien nach Rom vermittelt und dort als Bacchus heimisch geworden, war den staatserhaltend Mächtigen schon immer ein Ärger.

"Welt"-Seele

Hamburg hat wieder zwei Premieren hinter sich: am Deutschen Schauspielhaus inszenierte Dieter Giesing Tschechows "Möwe", am Thalia Theater zeigte Boy Gobert "Maria Stuart" – seine angeblich erste (und hoffentlich letzte) Klassiker-Inszenierung.

Kunst seit Bonn

Fünfundzwanzig Jahre Kunst in der Bundesrepublik Deutschland" sind in Bonn zu besichtigen, im Städtischen Kunstmuseum, dem einzigen Provisorium, das die Bundeshauptstadt noch aufzuweisen hat.

Momentaufnahme dumpfer Wut

Vor sieben Jahren noch galt Klaus Lemke als eines der hoffnungsvollsten Talente des jungen deutschen Kinos. Seine beiden ersten Spielfilme, "48 Stunden bis Acapulco" und "Negresco", sperrige Träume eines Schwabinger Cineasten vom glamourösen Duft der großen weiten Welt, gehörten zu den exemplarischen Manifestationen der "Münchener Gruppe", die sich längst in alle Winde aufgelöst hat.

Letztlich alles unerklärlich

Daß es viel Unerklärliches in dieser Welt gibt – wer wollte es bestreiten? Doch was Jörg Dattier und Psi-Professor Hans Bender in ihrer ersten Sendung der dem Unerklärlichen gewidmeten Folge "Psi" präsentierten, ist so unerklärlich nicht.

Filmtips

Mit dem reißerischen deutschen Titel tut sich der Verleih, der schon Giovannis "Le Repace" als "Die im Dreck verrecken" verhökerte, auch diesmal keinen Gefallen.

Empor ins Reich der Edelmenschen

Einen "Lastwagen zum Himmelreich" hat Adorno Richard Wagners Musik genannt, und etwas Vergleichbares ist Hans-Jürgen Syberbergs Karl-May-Film geworden, seinerseits hervorgegangen aus einem Wagner-Filmprojekt: eine teutonisch-dumpfe, unter Akten und Dokumenten fast erstickte Wühlarbeit empor ins Licht der Karl-Mayschen "Menschheitsseele", aus dem bleiernen, lastenden Ardistan ins kitschig-bombastische Paradies Dschinnistan.

Strukturen, Emotionen, Analysen am Klavier: "Ich brauche das direkte Gegenüber"

Wenn er auf die Bühne kommt, zwei, drei Schritte vor dem Dirigenten, so wirkt es, als werde da ein Sohn zum erstenmal von seinem Vater aufs Podium geschoben, ein schüchternes, schmales Kerlchen, das nur weiß, daß es etwas will, das aber doch etwas den Mut vor der eigenen Courage zu verlieren scheint.

Schauspiel Frankfurt: Fortsetzung lohnt

Vor drei Jahren sprach man kaum noch über das Theater von Frankfurt – und wenn, dann nur im Mitleidstone. An den Städtischen Bühnen lag das (vom Intendanten Ulrich Erfurth verwaltete) Schauspiel in den letzten Zügen einer langen Agonie; im Theater am Turm (TAT) probte man so exzessiv die Mitbestimmung, daß für die anderen Proben (an den Texten, die man spielte) kaum noch Kraft blieb.

Die neue Schallplatte

Vor einem Jahr starb Bruno Maderna – der italienische Dirigent der musikalischen Avantgarde schlechthin. Die Darmstädter Ferienkurse in den fünfziger und sechziger Jahren, das Mailänder "Studio di Fonologia" und die Ferienkurse in Tanglewood, Amsterdam und London, New York und Salzburg sind ihm gleichermaßen verpflichtet.

Ein Anreger und seine Spuren

Robert, oder wie er genannt wurde, "Boby" Bazlen starb 1965. Nach Jahren geheimen Ruhms ist er seit einem Jahr als italienischer Buchautor vorhanden.

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