Georges Séguy, der Chef der kommunistischen Gewerkschaft CGT in Frankreich, wollte sein Wort zu den gegenwärtigen Sozialkämpfen, die das Land bewegen, beitragen und dabei natürlich auch die streikenden Beamten und Angestellten von der Post unterstützen, als er sich entschloß, einen Brief an den Präsidenten der Republik, an den Premierminister und an den Präsidenten der Arbeitgeberverbände zu richten. Aber wie sollte das vonstatten gehen?

Den Brief einem Postkasten anzuvertrauen, hatte keinen Sinn. Das Schreiben per Boten auszusenden, hätte jedoch bedeutet, daß Séguy, der den Streik notwendig fand, zum Streikbrecher würde. Tatsächlich ist weder im Elysée noch im Matignon noch im Büro des Patronates ein Brief eingetroffen. Er wurde folglich auch nicht beantwortet.

Da wäre Séguy in eine Zwickmühle geraten? Nein, er war empört, daß er auf den Brief, der seine Adressaten nicht erreichte, auch keine Antwort erhielt. Denn er hatte die Lösung aus dem Dilemma gefunden: Sein Schreiben war ein "Offener Brief". So brachten Journale ihn fleißig zur Kenntnis der Öffentlichkeit. Und da fragt man sich nun, ob Giscard d’Estaing und sein Ministerpräsident Chirac denn keine Zeitung lesen.

Sie lesen Zeitungen. Aber sie müssen sie nicht lesen. Und zu Offenen Botschaften, die ihnen nicht per Post, sondern per Presse zugestellt werden, können sie, wenn überhaupt, in offener Rede Stellung nehmen. Eine postwendende Erwiderung ist ohne Post nicht möglich. Und solange Poststreik noch nicht zu den festen Gepflogenheiten eines Landes gehören (vielleicht kommt das ja nächstens), so lange ist es nicht Sitte, sich neuer Formeln zu bedienen, die etwa lauten könnten: "In Beantwortung Ihres allerwertesten Offenen teile ich Ihnen offenbrieflich mit..."

Angesichts der Tatsache, daß die Zeitungen hier Postdienste übernommen haben, lag der Verdacht nahe, daß sie dies nur im Falle von Leuten der Öffentlichkeit täten, während schlichte Bürger in die leere Rohrpoströhre gucken und sich von den gähnenden Hauspostkästen anöden lassen müssen. Welch kleinlicher Verdacht!

Der Figaro, das überregionale bürgerliche Pariser Blatt, hatte die Freundlichkeit, kostenlos "Offene Expreß-Briefe" der Leser zu vermitteln, vorausgesetzt, daß es sich um "wichtige" und um nicht mehr als 15 Wörter handelt. Das sah dann beispielsweise so aus: "Donne nouvelles par Tel. Papa!" oder "Appelle-moi äu téléphone. Anne-Marie." oder "Tout va bien! Gamy" und noch einmal "Tout va bien" und so weiter. Spaltenlang.

Daß man noch telephonieren kann, ist freilich nicht nur ein kurzer, sondern auch wichtiger Hinweis. Und wenn trotz allem "alles gutgeht", geht’s ja noch. Das ist die Hauptsache.