Karlsruhe

Fünf Bundesrichter haben zwei Fußballspieler ins Abseits laufen lassen. Die Hobby-Kicker der schleswig-holsteinischen TSG Ritterhude und des fränkischen TSV Lengfeld hatten versucht, mit ihren Gegenspielern für erlittene Sportverletzungen in Mark und Pfennig abzurechnen. Doch die Bundesrichter mochten die goldene Regel des Fair play nicht durch einen Schadensersatzkatalog ersetzen und winkten ab. Zwar soll es auch künftig Opfern rauher Gangart auf dem Spielfeld nicht verwehrt sein, Verdienstausfall und Schmerzensgeld – die ihnen die obligatorischen Sport-Unfallversicherungen der Landessportbünde vorenthalten – vor dem Kadi einzuklagen, doch das Risiko, dabei auf den Bauch zu fallen, ist bedeutend größer als auf dem Spielfeld. Die Bundesrichter entschieden nämlich, daß zwar jeder, der einen anderen grob fahrlässig oder vorsätzlich durch eine Regelwidrigkeit verletzt, schadensersatzpflichtig ist. Doch der Beweis, daß der andere regelwidrig gespielt hat, muß der Verletzte führen. Und daran sind bisher fast alle Schadensersatzprozesse gescheitert. Auch die beiden ersten Verfahren, die bis zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe gelangten..

Bei den Fußballverantwortlichen herrscht Erleichterung, denn die beiden streitbaren Balltreter, die ihren sportlichen Einsatz auf dem Fußballfeld mit komplizierten Schienbeinbrüchen und wochenlanger Arbeitsunfähigkeit bezahlt hatten, wollten eine Umkehrung der Beweislast erreichen. Jede schwere Verletzung durch einen anderen Spieler, so argumentierten sie, spricht für eine Regelwidrigkeit. Der Verletzer müsse deshalb beweisen, daß er sich regelgerecht verhalten habe. Ein Beweis, der gewiß ebenso schwer zu führen gewesen wäre wie der umgekehrte. Die Folgen lassen sich ausmalen. Jedes gestreckte Bein, jeder angewinkelte Ellenbogen wäre zum potentiellen Tatbestand geworden, der Pfiff des Schiedsrichters zum vorweggenommenen Richterspruch. Das wollten auch die Bundesrichter nicht.

Jeder, der sich an einem Fußballspiel beteiligt, so stellen sie fest, geht das Risiko ein, dabei verletzt zu werden. Und aus der fernen Erinnerung eigener Sportplatzerfahrung fügen sie hinzu: "Dabei kann jedem das Mißgeschick passieren, einen Mitspieler zu verletzen." Wer den eigenen Schaden dennoch mit einer Schadensersatzklage beantworten wolle, müsse seinem Schädiger einen Regelverstoß nachweisen.

Bundesrichtern und Sportfunktionären ist der Alptraum vom Zukunftsspieler gemeinsam, der nach Autofahrervorbild angerichtete Schäden mit einer Mitteilung an seine Haftpflichtversicherung reguliert. Eine allzu laxe Moral, so fürchten sie, könnte sich auf Spielfeldern und in Sporthallen einschleichen. So empfehlen sie lieber eine Aufbesserung der bisher dürftigen obligatorischen Unfallversicherungen. Der Deutsche Fußballbund hat bereits "Gespräche" mit den Landessportverbänden angekündigt. So gesehen könnte der verlustreiche Instanzenlauf der beiden Fußballspieler aus Ritterhude und Lengfeld ins juristische Abseits für die 3,4 Millionen DFB-Mitglieder doch noch ein Gutes gehabt haben: eine Verbesserung des Versicherungsschutzes, der zwar auf die Fersenprellung und den Nasenbeinbruch, nicht jedoch auf langwierige und kostenintensive Sportverletzungen eingestellt ist.

Für die Sportversicherungen, scheint es, brechen goldene Zeiten an, die Sportvereinsmitglieder aber werden tiefer in die Tasche greifen müssen. Claus Donath