Die Sprache ist dem Menschen gegeben", sagte Talleyrand, "um seine Gedanken zu verbergen." Für diese These lassen sich allerorten Beweise finden. Damit die Geheimnistuerei zumal auf internationalem Parkett nicht überhand nimmt, gibt es Dolmetscher. Sie versuchen selbst die nichtssagendsten Wortkonstruktionen noch in verständliche Sprache zu verwandeln. Der zweifelhafte Dank für solche rhetorischen Leistungen ist die völlige Anonymität. Aus ihr wird der Dolmetscher nur selten gerissen. Und wenn es schon einmal zur Aufregung um einen Übersetzer kommt, dann geschieht es, wie jüngst beim Besuch von Annemarie Renger in Polen, weil keiner da war.

"Mit Verwunderung", so berichtete anschließend die Süddeutsche Zeitung‚ "wurde in deutschen diplomatischen Kreisen registriert, daß die Polen nur einen eigenen Dolmetscher zu dem Gespräch zuließen und die Bundestagspräsidentin nicht auf Hinzuziehung eines deutschen Übersetzers bestand." Wer hat hier gegen die diplomatische Etikette verstoßen? Die halsstarrigen Polen, die nachgiebige Frau Renger oder gar beide?

Auf diese Frage läßt sich keine überzeugende Antwort finden, weil es für den Einsatz von Dolmetschern keine völkerrechtlich-verbindlichen Regeln gibt. Wer wann was übersetzt, darüber einigen sich die Partner je nach Fall. Bei Gesprächen zwischen befreundeten Regierungen wird man weniger penibel sein als bei Unterredungen mit politischen Gegnern. Die Amerikaner beispielsweise hatten bis Mitte der fünfziger Jahre gar keinen eigenen Dolmetscher für Deutsch. Sie nahmen mit dem Bonner Übersetzer vorlieb; aber das mag auch daran gelegen haben, daß damals nicht so wichtig war, was die Deutschen sagten.

Heute ist das anders. Das State Department hat inzwischen einen eigenen Dolmetscher für Deutsch, und die Deutschen, die über einen der besten Sprecherdienste der Welt verfügen, haben Experten für fast alle wichtigen Sprachen. Auch wenn sie keine internationale Regel dazu zwingt, greifen Bonns Staatsmänner zu Hause und im Ausland gern auf die Hilfe der deutschen Sprachkünstler zurück: Erstens, weil sie dann ihre Gesprächspartner noch besser verstehen, und zweitens, weil ihnen die Dolmetscher anschließend beim Aufsetzen des Gedächtnisprotokolls helfen können.

Wie wertvoll, auch auf lange Sicht, die zweite Hilfeleistung ist, hätte ihnen Konrad Adenauer bestätigen können: Der letzte Band seiner Memoiren wurde zu einem großen Teil von Dolmetschern geschrieben. D. B.