Arno Surminski ist 1934 in jener weiten Landschaft Ostpreußens zwischen Masuren und Königsberg geboren, von der sein erster Roman "Jokehnen" berichtet. Surminskis Eltern wurden 1945 nach Rußland deportiert, das Waisenkind wurde nach zweijähriger Odyssee von einer Familie mit sechs Kindern aufgenommen. Seit 1962 lebt Surminski, der zehn Jahre lang in der Rechtsabteilung eines Versicherungsunternehmens gearbeitet hat, als Journalist für Wirtschafts- und Versicherungsfragen in Hamburg. Bestimmt ist viel Autobiographisches in dem Buch –

Arno Surminski: "Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?"; Verlag Werner Gebühr, Stuttgart, 1974; 425 S., 28,– DM.

Erzählt wird die Geschichte eines Dorfes, einer Landschaft, einer Zeit, vor allem aber die Geschichte des Jungen Hermann Steputat, der geboren wurde, als Paul von Hindenburg, der Sieger von Tannenberg, der Held Ostpreußens, starb – am 2. August 1934, im fernen Jokehnen, im hintersten Ostpreußen. Nach Jokehnen kam alles verspätet: das elektrische Licht, das Auto, aber auch Krieg und Nazi-Verordnungen. Nur einmal wurden die Jokehner von der Weltgeschichte eingeholt: 1945, als im kleinen Jokehnen ein Krieg zu Ende ging, den die Dorfbewohner bis dahin eigentlich nur vom Hörensagen, aus ungefährlicher Ferne kannten.

Der Junge wuchs zwischen wenigen – Jokehnen hatte kaum zweihundert Einwohner – aber braven Deutschen auf: Die Jokehner waren aufrichtig überzeugt, daß das "Adolfche" seine Sache schon gut und richtig mache. Weder Machtübernahme noch Krieg änderten das bedächtige Leben der bedächtigen Jokehner. Wie die "Verfärbung Jokehnens von schwarz-weiß-rot in braun" ohne Aufsehen vor sich gegangen war, geschah auch alles andere: die Menschen- und die Pferde-Musterung, das spurlose Verschwinden des einzigen Juden, das Erscheinen der ersten gefangenen "Pollacken". Der Krieg, die Winterhilfe, ein Kinderspiel: "Hermann wählte seines Vaters Flickenkisten durch und trug die letzten Fetzen gebündelt in die Schule. An Lumpen für den Endsieg sollte es nicht fehlen."

Als die Störche, die sonst jeden Frühling wiederkamen, 1945 ausblieben, waren die Jokehner mitten drin in der Weltgeschichte, waren sie bereits einmal vor den Russen geflohen und wieder zurückgekehrt, weil sie nicht wußten wohin. Die wenigen Überlebenden wurden im Dezember 1945 in Güterzüge verladen und nach Berlin geschickt, "ausgesiedelt" für immer.

"Jokehnen" ist ein erstaunlicher Erstlingsroman. Das liegt an der unsentimentalen Darstellung eines emotionsbeladenen Themas, an der Genauigkeit der Sprache, der Schönheit der Bilder. Surminski gelingt es, behäbig zu erzählen, ohne geschwätzig zu werden. Sein Roman informiert und unterhält, macht betroffen, ohne falsches Mitleid oder Haß gegen die "Sieger" zu wecken. Monika Sperr