Wer heutzutage in einem pädagogischen Ratgeber nur die Mutter als Erzieher anspricht, wird zu Recht getadelt. Trotzdem ist die Zahl der Kindergärtner noch klein, und auf dem Gebiet der pädagogischen oder progressiven Kinderliteratur liegen, die jungen Frauen bei weitem in Führung.

Besitzen sie eine größere Einfühlungsgabe als Männer? Haben sie mehr realistische Phantasie? Interessiert es sie einfach mehr, wie andere Menschen, wie Kinder leben und denken? Verfügen sie über mehr Geduld, sich die Geschichten von Fremden anzuhören und daraus ein Buch zu machen? Oder ist Männern im Grunde genommen die praktische Erziehung lästig? Liegt es ihnen mehr, die großen Theorien zu entwerfen, mit denen die kleinen Mädchen dann fertig werden müssen?

Wie auch immer: die wichtigsten realistischen Romane und Berichte stammen von Frauen, und zwar von Praktikerinnen. Sie haben in Kinderläden gearbeitet: als Lehrerin, die Journalistin wurde (Ann Ladiges), als Journalistin, die auf dem Zweiten Bildungsweg Pädagogik studiert (Simone Bergmann).

"Mein Vater ist aber stärker" (rororotfuchs) ist von acht weiblichen und zwei, männlichen Hamburger Sozialpädagogen zusammengestellt. Im Vorwort wird nachdrücklich auf Konfliktverhalten und Unterdrückung elementarer kindlicher Auseinandersetzungen durch Erwachsene verwiesen, die fünfzig Geschichten von Kindern, die in Heimen leben, könnten jedoch in jeder beliebigen anderen Umgebung angesiedelt sein und sind oft nur das, was man mit "Kindermund" bezeichnet. Dadurch kommt man weniger zu Streitstrategien als vielmehr zur Erziehung der Erwachsenen. Denn diese sehr genauen Momentaufnahmen kindlichen Verhaltens beweisen immer wieder, wie anders Kinder denken und handeln, wie schwer es ihnen oft fällt, sich den Bedingungen der erwachsenen Umwelt anzupassen. Ein Ergebnis, das das angestrebte vielleicht an Wichtigkeit – auch für Kinder – übertrifft.

Ann Ladiges verarbeitet das Thema. "Sohn und geschiedene Mutter" in "Mann bist du gemein" (rororotfuchs), wobei sie die wachsende Entfremdung durch die Mutter protokolliert. Das Problem des unverstandenen Jungen ist nicht neu, auch die versöhnliche Lösung nicht. Originell und sicher wirkungsvoll ist die Form der Rückblenden und Momenteinschübe und der Versuch, die Wandlung der Mutter darzustellen: ein Aufbruch ins richtige Bewußtsein, das heißt in die Erkenntnis, daß der Sohn kein Kind mehr ist.

In "Ich bin dreizehn" (rororotfuchs) hat Simone Bergmann aufgeschrieben, was ihr Heike Hornschuh, Arbeiterkind und Schülerin, über ihr Leben und ihre Einstellung dazu erzählt hat. Ein vollkommen ungefiltert wiedergegebener Bericht, in dem alle Klischees und Vorurteile stehengeblieben sind. Diese unkommentierte sogenannte Wirklichkeitstreue macht einerseits den Reiz des Buches aus, stellt andererseits eine Gefahr dar, da dieser Stil stark Emotionen jeglicher Art auslöst. Eher Material für Pädagogen und Lesestoff für Jugendliche, die die Chance haben, mit Erwachsenen sachlich über alle aufgeworfenen Probleme zu sprechen und sich nicht kritiklos identifizieren oder distanzieren.

Susanne Kilian besitzt schon mehr Übung und Erfahrung im Umgang mit Kinderaussagen und hat den Schritt vom Protokoll zum Roman gemacht: "O. K." (Beltz SC Gelberg) ist ein Stück Entwicklung, Suche nach den richtigen Freunden, Auseinandersetzung mit falschen Vorstellungen, Suche, nach dem schmerzlosesten und ehrlichsten Ansatz zum eigenen Leben. Die Geschichte profitiert von den vorausgegangenen Realitätsübungen derAutorin, und das bedeutet: Zugewinn an Farbe, Detail, Authentizität.

Dieser gelungene Versuch, einen Jungen und seine Welt darzustellen, zeigt, was den anderen pädagogisch sehr bemühten und redlich angelegten Büchern (noch) fehlt: Wenn ein Autor möchte, daß Leser von seinem Buch so ergriffen werden, daß sie eine Zeitlang darin und damit leben, so muß er auch beim Kinderbuch ein Vielfaches von dem wissen und kennen, was er sagt. Wer sofort alles zurückgibt, was er gehört und gesehen hat, kann sicher beweisen, daß er fleißig war. Fleiß reicht aus für Diskussionstexte, für pädagogisches Material in Erzähl-Form, bringt sehr Brauchbares für aufgeschlossene Erzieher, das voll ist von Realität, aber noch ohne Wirklichkeit. Sybil Gräfin Schönfeldt