Von Felix Spies

Unsere Beteiligung an der Kraftwerk Union", so erwärmte sich AEG-Chef Hans Groebe in der vergangenen Adventszeit, "verspricht gute Zukunftsaussichten." Und noch im Sommer verhieß der Vorstandsvorsitzende der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft AEG-Telefunken seinen in der Berliner Kongreßhalle debattierenden Aktionären: "Wir erwarten, daß die Verluste der Kraftwerk Union weiter abnehmen und daß die Gesellschaft 1976/77 die Gewinnzone erreicht."

Doch jetzt im Spätherbst konnten Groebe und die fünf anderen AEG-Vorstandsherren, geplagt von schweren Verlusten ans dem Kraftwerk-Geschäft, nicht mehr länger auf die verheißungsvolle Zukunft warten: Seit vergangener Woche hält der zweitgrößte deutsche Elektrokonzern (Umsatz 1973: 11,9 Milliarden Mark, knapp 175 000 Beschäftigte) seinen 50-Prozent-Anteil an der Kraftwerk Union AG (KWU) in Mülheim/Ruhr zum Verkauf feil.

Der promovierte Jurist, Groebe, seit 1970 bei der AEG an der Macht, hatte zwar nicht zuviel versprochen: Die KWU, erst 1969 von AEG und Siemens mit paritätischer Kapitalbeteiligung gegründet, ist heute bereits – nach den US-Konzernen General Electric und Westinghouse – der drittgrößte Kernkraftwerk-Hersteller der Welt. In den KWU-Auftragsbüchern stehen 18 Atomkraftwerke im Gesamtwert von rund zwölf Milliarden Mark. Der Umsatz 1974 wird auf über eine Milliarde taxiert. Und die im Großanlagengeschäft unvermeidlichen Anlaufverluste (seit 1969 insgesamt etwa 300 Millionen Mark) sollen nach KWU-Chef Klaus Barthelt bereits 1975 Vergangenheit sein. Schon für die Jahre danach winkt dann bei einem Jahresumsatz von fünf bis sechs Milliarden Mark Gewinn.

Aber die roten Zahlen aus der KWU-Beteiligung sind bei AEG nur bescheidener Teil der Gesamtverluste aus dem Kraftwerk-Geschäft. Noch immer laboriert der Elektrokonzern an verlustreichen Aufträgen, die er für eigene Rechnung abwickeln muß: Bis Ende 1974 bringt allein das Kernkraftwerk Würgassen (Auftragswert 1967: 330 Millionen Mark) der AEG etwa 210 Millionen Mark Verlust, bis 1975 vielleicht sogar über 300 Millionen Mark.

Mit den 200 Millionen Mark, die der Konzern in diesem Geschäftsbereich schon zuvor hatte abschreiben müssen, erlitt die AEG binnen zehn Jahren im Kraftwerkbau insgesamt einen Verlust von rund einer halben Milliarde Mark. Doch dabei wird es nicht bleiben: Die sechs Kernkraftprojekte Brunsbüttel, Philippsburg I und II, Krümmel, Isar-Arnper und Tulmer (in Österreich), die AEG in die KWU eingebracht hat, die aber noch für AEG-Rechnung abgewickelt werden, bringen garantiert weitere Verluste – wenn auch nicht so viel wie das Würgassen-Werk. AEG-Vorstand Professor Matthias Schmitt: "Wenn wir sechsmal 200 Millionen Mark zahlen müßten, dann wären wir wirklich pleite."

Als am Dienstag voriger Woche AEG die Absicht bekannt machte, "im Hinblick auf diese Belastungen und die steigenden finanziellen Verpflichtungen" aus der KWU und damit aus dem Kraftwerkbau überhaupt auszusteigen, lebten alte – von AEG entschieden dementierte – Gerüchte auf: der Konzern stecke in einer Finanzierungs-, wenn nicht sogar in einer Liquiditätsklemme. Nicht ohne Grund: In ungewöhnlicher Eile hatte AEG die "Überprüfung des Engagements im Kernkraftwerkgeschäft" per Telex publik gemacht, obwohl erst ein einziges Gespräch zwischen dem AEG-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Bühler und Bernhard Plettner, dem Vorstandschef der bei KWU Vorkaufsberechtigten Siemens AG, stattgefunden hatte und AEG-Emissäre in Bonn noch dabei waren, um Staatshilfe nachzusuchen.