Wenn Kinder aufhören, Kinder zu sein, laufen sie gern davon. Fernweh, Verachtung der Familie, Abenteuerlust – ein gutes Thema, aber nicht ohne Tücken. Denn wenn der Autor die gleichen Abenteuer preist, in die sich sein Held oder seine Heldin verrennen, so kann die Geschichte höchst fragwürdig Reklame für eine Sache machen, die gerade für halbe Kinder nicht ohne Gefahr für Leib und Leben auslaufen kann. Was also tun?

Federica de Cesco ("Der Tag an dem Aiko verschwand"; Benziger, Zürich/Köln; 192 S., 14,80 DM) hat sich in Edelmut gerettet. Da flieht ein japanisches Mädchen vor dem Vater, der so abstoßend autoritär gezeichnet ist, daß die Flucht als Aufbruch in das eigene selbstbestimmte Dasein – ohnehin mit Tränen in den Augen und Reue im Herzen – nur gerechtfertigt ist. Nur leider ist das so steril geschildert, daß das Buch wohl nur einen Lacherfolg haben kann.

Flott und nicht ungeschickt läßt Christopher Leach ("Und morgen in Atlantis", aus dem Englischen von Dorothea und Hans Bemmann; Thienemanns, Stuttgart; 112 S., 9,80 DM) seine beiden Ausreißer in einer Nacht genau die Leute treffen, die ihnen zeigen, wie sinnlos der kopflose Ausbruch in die Freiheit ist und welche Folgen er haben kann: in der Kriminalität von Gestrandeten. Bei Leach spielt die Polizei zum Schluß den Retter.

Sie wird bei Christine Nöstlinger ("Ilse Janda, 14"; Friedrich Oetinger, Hamburg; 155 S., 12,80 DM) vollkommen aus dem Spiel gelassen, und das hat bestimmte Gründe. Dieses Buch ist ohnehin das interessanteste dieser ganzen Gruppe, was nicht nur damit zusammenhängt, daß die Autorin eine Differenzierung entwickelt hat, aus der sie all ihre Themen aus dem Bereich von Beliebigkeit hinauszuholen vermag.

Es kommt hinzu, daß der Autorin während des Schreibens, die eigene, ebenfalls vierzehn Jahre alte Tochter "abhanden gekommen" war. Später, als das Mädchen wieder daheim war ("Ich hab’ halt erforscht, wo sie ist, und die Polizei schön außer acht gelassen, und meinen Mund gehalten, und Geld geschickt, und gewartet..."), hat die Autorin ihre Geschichte überprüft und festgestellt: sie und ihr Mann haben vollkommen anders reagiert und gehandelt als die Eltern, die sie sich im Buch erfunden hatte.

"Nun könnt man ja sagen, da soll ich einfach aufschreiben, wie’s wirklich ist. Und da kommt mein Problem. Ich glaub schon, daß ich weiß, wie es wirklich ist. Und hinschreiben, glaub ich, könnt ich’s auch. Aber ich drück mich davor. Es ist so schwierig. Da gibt’s doch jetzt schon eine Menge moderner Jugendbücher. So lebensnah. Und die sind grauenhaft, find ich."

Sie drückt sich nicht nur, sie kennt instinktiv den für alle Geschichten entscheidenden Unterschied zwischen wirklich und wahrhaft, und weil sie reine Erfindung verwirft, weil ihr aber auch die Wirklichkeit allein nicht ausreicht, hat sie das wahrscheinlich wahrhafteste Jugendbuch (nicht nur Mädchenbuch) über erste Irrtümer, Enttäuschungen und falsche Träume geschrieben. Über die Traumwelt von Vierzehnjährigen, die nicht anders als mit solchen geliehenen Ersatzstoffen leben können. Die Ursachen erklärt die Erzählerin, die kleine Schwester, die noch den ganz wachen Blick der Kinder hat, aber nichts von dem kapiert, was sie da sieht. Das bringt eine zusätzliche Dimension in diese Geschichte, die eine ganze Kindergeneration charakterisiert.

Sybil Gräfin Schönfeldt