"Die jungen Götter", Roman, von Annemarie Weber. Die Rede ist von jungen Arbeitern; daß sie als Götter zu verehren seien, darf man einerseits ironisch nehmen, andererseits auch wieder. nicht. Göttlich ist für Susi Blau, die kraftstrotzende Fünfzigerin, der Körper eines Zwanzigjährigen. Sonst sind die jungen Arbeiter, die sich vorübergehend oder auch auf lange Sicht bei Susi niederlassen, eher zweifelhafte Burschen: Schläger, Hascher, Trinker, Aufschneider, Bummelanten. Frau Blau, die in Berlin zum Kunstbetrieb gehört – als Fremdenführerin und Festspielgast, Schriftstellerin und Bühnenleiterin – macht sich über ihre Bettgefährten nur gelinde Illusionen. Sie nimmt dankbar, ohne jede Alterswehmut, die Belebungen, die sich ihr bieten, wahr und achtet streng darauf, daß sie von ihren Liebhabern nicht ausgenommen wird. Die Romanautorin Annemarie Weber, amüsant und ehrlich wie fast immer, ist auf Susis Seite. Gleichwohl: eine überlegene Frau, die sich, im Kopf weit Wichtigeres, an Körpern labt und alle Zugaben zu diesen Körpern, Lebensumstände oder Charakterzüge, nur nachsichtig lächelnd oder auch zähneknirschend in Kauf nimmt – der Anblick, ob das die Verfasserin nun vorhatte oder ob nicht, kann melancholisch stimmen. (Verlag Kurt Desch, München, 1974; 262 S., 26, DM.) Christa Rotzoll

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"Tauchübungen", Prosa, von Jutta Schütting. Kein Roman, keine Erzählungen, sondern – was mittlerweile ja auch schon Tradition hat – Texte: intellektuelle Spuren von Erzählstoff. Das dritte Buch der österreichischen Autorin Jutta Schütting (1937 geboren, mit der Promotion abgeschlossenes Germanistikstudium, Lehrerin) ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie theoretische Beschäftigung mit Literatur in Literatur zurückmündet: "Texte anstatt eines Versuches über Stifter" (so eine Kapitelüberschrift). Theoretische Erkenntnisse über Adalbert Stifters "Bunte Steine" von 1853 ("in der Harmonie der Sätze an die Bannung von Revolutionen geglaubt") fließen nicht mehr in einen Essay, eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern verschmelzen in einem neuen literarischen Zusammenhang voller Anspielungen. Mit Stifter mag Jutta Schütting die – bei ihr sicher nicht ungebrochene – Hoffnung verbinden, in der Literatur die Kinderträume wieder entstehen lassen zu können; "die Vorstellung der Kindheit bewohnbar gemacht haben", lautet eine Stelle, die nicht mehr mit Stifter in direktem Zusammenhang steht. Für Schütting ist Literatur der Weg, die Fesselung an den Alltag zu transzendieren, "den Baum morgens Frühling, abends Herbst werden zu lassen", und die Macht der Wortwelt zu sprengen ("oder er sagt ‚Rose‘ und läßt die Rose aus dem Wort in seine Hand fallen"). Das ergibt einen Prosa-Berg, den abzubauen. Geduld zur Voraussetzung hat. Weite Strecken dieser Prosa, weder auf Pointen noch Identifikation aus, liest man mit Anstrengung‚ "eine Übung in bezug auf Wahrnehmungen", die den Leser zur Aufmerksamkeit zwingt, vielleicht sogar,ist er willig, erzieht. Ohne Frage ein Buch, mit dem man sich länger beschäftigen kann, als die Seitenzahl vermuten läßt. Und tatsächlich enthält es eine Fülle von Ideen und Einfällen, eingefaßt in komprimierte, oft fragmentarische Sätze, welche die ohnehin nicht gerade realitätsgesättigte Prosa (man ist ganz erstaunt, einmal auf einen Begriff wie "DDT" zu stoßen) noch strenger und spröder erscheinen lassen. Würde Jutta Schüttings Einfallsreichtum sich aus dem Prokrustesbett dieses schwebenden Satzbaus befreien können, müßte er eigentlich noch viel mehr hergeben – "die Wörter Himmel und Baum wieder Dinge werden erlebt haben." (Residenz Verlag, Salzburg, 1974; 145 S., 13,80 DM.) Volker Hage

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"Vom Koch, der sich selbst zubereitete" – Zwölf Psychos von Wolfgang Altendorf. "Das Grauen kommt aus dem Unerklärlichen" – so beginnt eine der zwölf Psycho-Stories dieses Buches. Den Autor scheint es gereizt zu haben, eine möglichst schwarze Auswahl der Dinge und Un-Dinge zusammenzubringen, die sich gerade in einer Zeit exakter Forschung, der Statistik und der Computer vorstellen lassen. Denn da uns Technik und Wissenschaft mit früher unvorstellbaren Möglichkeiten, auch zur äußersten – legalen – Grausamkeit, ausgerüstet haben, die alte Tabus lächerlich machen und neue haben entstehen lassen, ist Unerklärliches in einem Maße denkbar geworden, daß es das gute alte Poe- und Haggard-Grauen wie eine Rundfahrt in der Geisterbahn erscheinen läßt. Gerade die Technik bringt abgestürzte Flugpassagiere wieder in die Lage, den toten Vater zu verspeisen; Verhaltensforschung ist bis zu jener Grenze vorgestoßen, da die der Natur verfallene Zoologin von Menschenaffen getötet wird, weil es keine Rückkehr ins Paradies gibt. – Menschen am Rande ihrer Existenz, das sind Altendorfs Helden. An der Grenze der Kraft, das denaturierte Leben moderner Staaten zu ertragen, an der Grenze zur Selbstaufgabe: Wölfe unter Werwölfen, enthemmte Vor-Natur, die nichts bereut, die nicht erlöst werden kann, weil sie nicht weiß, was ihr vergeben werden müßte. Psychogramme über jene Finsternis, die Zeitungsleser so oft zusammenzucken und fragen läßt, wohin es mit der Welt gekommen sei. In diesen Geschichten kann man eine Antwort lesen. – Man kann sie aber auch kulinarisch verschlingen wie einen geistreichen Thriller. (Diogenes Verlag, Zürich, 1973; 228 S., 24,80 DM.) Sybil Gräfin Schönfeldt

"Felix Mendelssohn Bartholdy in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten", dargestellt von Hans Christoph Worbs. Von einer Mendelssohn-Renaissance zu sprechen, wäre zweifellos eine Übertreibung, also schlechter Stil, wie er Mendelssohn verhaßt war. Andererseits hat sich die Befürchtung als unbegründet erwiesen, daß (wie bei Meyerbeer) die Unterdrückung durch die Nazis gewaltsam beschleunigt habe, was ohnehin geschah: das Zerbröckeln des Ruhms. Vielmehr sind gerade in den letzten Jahren Interpreten ebenso wie Wissenschaftler zu der Einsicht gekommen, daß man bei Mendelssohn Entdeckungen machen kann. Die Monographie von Hans Christoph Worbs, die im richtigen Augenblick erscheint, ist eine sorgfältige und verständige Auswahl aus den Tatsachen und Gedanken, die in der Nachkriegszeit über Mendelssohn zusammengetragen worden sind. Daß Idealisierungen vermieden werden, ist inzwischen selbstverständlich; aber Worbs umgeht auch die entgegengesetzte Gefahr eines "Realismus", dessen Zugriff ein Zeitalter, in dem Romantik und Biedermeier gedeihen konnten, unverständlich macht. Mendelssohns Leben wird mit unauffälligem Dispositionsgeschick erzählt. Manches allerdings bleibt im Halbschatten: der tiefgreifende Einfluß der Familie, das Verhältnis zu Robert Schumann, die musikgeschichtliche Bedeutung der Leipziger Schule. Der Überblick über Mendelssohns Werke, in dem zu Recht die Gattungstraditionen betont werden, enthält manche eigenen Einsichten. "Selbstzeugnisse und Bilddokumente" zusammenzustellen, wie es der Reihentitel verspricht, war bei einem eminenten Briefschreiber und Zeichner wie Mendelssohn nicht schwierig, (rm 215; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1974; 153 S., 5,80 DM.)

Carl Dahlhaus