Von Jürgen Werner

Habt ihr’s notwendig, so zu treten?" – der Mann aus München mit nacktem Oberkörper krächzte seine Frage enzianselig in die Kälte, die der Abend und die Menschen mit sich gebracht hatten. Kalte Augen musterten den schnurrbärtigen, eine rot-weiße Bayernfahne schwingenden Bayernfan, der immer wieder aufgesprungen war, "Seppi" oder "Gerdi" – Torwart Maier und Mittelstürmer Müller waren gemeint – gebrüllt hatte und nun Rechenschaft für ein Foul an Beckenbauer forderte. Der Sieg der Münchner zeichnete sich schon ab, das "Schicksalsspiel" – als solches hatte es Bayern-Manager Robert Schwan in einem Gespräch kurz vor der Abfahrt ins Stadion für seinen Club bezeichnet – zwischen den beiden besten europäischen Mannschaften der Saison 1973/74 war zugunsten der Münchner entschieden (2:1).

Die laute Antwort eines Ostberliners: "Manneken, nu werd nich noch logisch" – wirkte wie ein Symbol. Denn tatsächlich war von Logik bei der Vorbereitung und Durchführung dieses Spiels wenig zu spüren. Trotz der angestrebten und immer wieder betonten Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten – auch oder gerade im Sport – trotz der fernschriftlich erteilten Akkreditierung durch das Außenministerium in Ostberlin durchlief der Besucher am Grenzübergang Marienborn eine fünffache Kontrolle: Jedesmal nach einigen hundert Metern erneut die Prüfung sämtlicher Papiere: Fernschreiben, Paß, Autopapiere und keine Antwort auf die Frage, warum, wozu? Schreibt die DDR statt 1974 schon das Jahr 1984?

Auch das Bild in Magdeburg selbst wurde geprägt durch Polizei und Absperrungen. Schon auf der von der Autobahn weg nach Magdeburg führenden breiten Einfallstraße standen alle 200 Meter Polizisten. Auf meine Frage bei einem Stopp nach dem Hotel "International" erhalte ich die verblüffende Antwort: "Kenn’ ich nicht, bin nicht von hier." Rund ums Hotel Schutzgitter, Polizisten und Kontrolleure. Sie garantieren, daß nur Privilegierte mit Sonderausweisen Zutritt erhalten. Im Hotelfoyer und in der Halle selbst sind alle Tische besetzt. Doch trotz der vielen Menschen, fast ausschließlich Männer, kaum Frauen, herrscht eine merkwürdige Stille. Dieselbe Situation nach dem Spiel.

Als die Spieler der Münchner Mannschaft nach ihrem Sieg das Hotel betreten, steht das Personal überall aufgereiht, die Menschen im Hotel sitzen und starren. Kein Beifall, keine Zurufe, kein Lächeln – diese Niederlage war für den Sozialismus offensichtlich nicht eingeplant. Schon im Stadion, das ebenfalls mit Privilegierten gefüllt war – "die Partei hat die meisten Karten über die Betriebe vergeben", teilt mir mein Nachbar, ein Ordner, halblaut mit –, hatte sich die Wandlung in den Verhaltensweisen der Zuschauer gezeigt. Das neue Selbstverständnis und Selbstwertgefühl waren sicherlich nicht gespielt. Die bedingungslose Solidarisierung mit der eigenen Mannschaft begann schon lange vor dem Spiel.

Als Müller, Hoeneß und Trainer Lattek in Zivil den Platz betraten, um die notwendige Länge der Stollen, die Unter die Fußballstiefel geschraubt werden, festzulegen, empfing sie ein gellendes Pfeifkonzert. Müller und Lattek, ganz Profis, winkten mit erhobenen Händen zurück, so, als seien sie in Amerika, wo Pfiffe ja Beifall bedeuten. Sicher artikulierte sich in diesen Mißfallensäußerungen der Volkszorn über die leidige Essensaffäre. Übereinstimmend erklärten mir Robert Schwan, Münchens Manager, und der Magdeburger Trainer-Assistent und Betreuer Behne, es habe wohl Mißverständnisse gegeben. Abmachungen hätten bestanden, die Münchner könnten selbst kochen – so Schwan, es würde für die Münchner nach ihren Wünschen gekocht – so Behne. Zu keinem Zeitpunkt aber – so beide – habe es Mißtrauen wegen negativen Dopings gegeben.

Gerd Käfer, ein oder auch der Münchner Spezialist für die Ausgestaltung von Partys der Prominenz, Lieferant von Deftigem und Delikatessen, lobte die Hotelküche in höchsten Tönen: Der Chefkoch hätte auch bei Käfer eine Chance, Was blieb, war auf beiden Seiten die Überzeugung, im Recht gewesen zu sein. Sprach Betreuer Behne von Gastfreundschaft, die man nicht verletzten dürfe, formulierte Bayerns Schwan kühl sein Credo an die Macht des Machbaren.